das Realitätsproblem keinen Platz finden konnte. Zwar hat sich Kant gegen sein Lebensende noch mit dem Versuch abgemüht, von der Metaphysik die Brücke zu schlagen zur Physik; eine Lösung sollte er aber nicht mehr finden. Daß die unmittelbar nachkantische Philosophie, die mit dem verstiegenen Idealismus Hegels am Ende anlangte, sich immer weiter von der Realität und dem Verständnis ihrer Setzung und Bestimmung entfernte, erhellt klar. Als mit dem Niedergang der Hegelschen Philosophie die Einzelwissenschaften sich aus der Bevormundung durch die Philosophie energisch losrissen und diese vollständig zu unterdrücken drohten (man beachte die prekäre Stellung und unselbständige Aufgabe der Philosophie im Positivismus), sah man die einzige Rettung in dem „Zurück zu Kant“. So atmet die Philosophie der Jetztzeit den Geist Kants, ist aber nicht minder beeinflußt von den Tendenzen des englischen und französischen Empirismus. Man wird mit guten Gründen den eigentlichen Spiritus rector der Zeitphilosophie in Hume4 erblicken dürfen. Mithin charakterisieren sich die herrschenden erkenntnistheoretischen Richtungen als Konszientialismus (Immanentismus) und Phänomenalismus, Anschauungen, die eine Bestimmung des Realen oder sogar, wie die erste, auch eine bloße Setzung einer bewußtseinsunabhängigen Außenwelt als unzulässig und unmöglich dartun wollen. Gleichzeitig mit dem Aufblühen der modernen Philosophie hat die empirische naturwissenschaftliche Forschung unentwegt ihre Arbeit fortgesetzt im Sinne eines gesunden Realismus, der sie zu glänzenden Erfolgen geführt hat.
Ist nun der hier vorliegende Zwiespalt zwischen philosophischer Theorie und naturwissenschaftlicher Praxis ein wirklicher? Oder haben der Wirklichkeitsstandpunkt und der Phänomenalismus als „formalistische Gedanken drehende und wendende Disziplinen“ sich vielleicht überlebt? Eine erkenntnistheoretische
4 Vgl Philos. Jahrb. ΧΧΠΙ (1910) Heft 2 S- 161-182: E. Walz, David Hume und der Positivismus und Nominalismus.