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Das Realitätsproblem in der modernen Philosophie (1912)

bewußte Objekt enthalten. Diese beiden Momente sind aber nur abstraktiv trennbar. Es ergibt sich hieraus die unlösbare Verkettung von Denken und Sein. Als der Immanenzphilosophie verwandt muß noch angeführt werden der Empiriokritizismus von Avenarius, der sich in seinen drei Hauptwerken7 zum Ziel setzt, den einzig richtigen Weltbegriff festzulegen. Schließlich wäre noch zu nennen E. Mach8, der Begründer des sog. EmpfindungsmonismiLs. Am besten hat er seine Ideen entwickelt in der Schrift: „Beiträge zur Analyse der Empfindungen“ (1906). Das Ding, der KörpeT, die Materie ist nichts außer dem Zusammenhang der Elemente [d. i. der Empfindungen], der Farben, Töne u. s. f. außer den sogenannten Merkmalen (a. a. O. S. 17 f.). Durch eine Widerlegung des Konszientialismus ist der Realismus wenigstens als ein möglicher Standpunkt dargetan. Dieselbe geht den sichersten Weg, wenn sie ihr Hauptaugenmerk auf die Heraushebung des konszientialistischen Kemgedankens, d. i. das Immanenzprinzip9, richtet. Die negativen Argumente für den „Wirklichkeitsstandpunkt“, die die gewöhnlich vorgebrachten positiven Beweisgründe für den Realismus erschüttern sollten (z. B. die Anwendung des Kausalitätsgesetzes auf den Bewußtseinsinhalt als solchen), leiden durchgehende an dem logischen Fehler, daß sie auf dem Immanenzprinzip fußen, das ja erst begründet werden soll. Eingehendere Betrachtungen verdienen die direkten, positiven Argumente, die Klimke auf drei10 zurückführt: ein aprioristisches, ein empirisches und ein methodologisches.

Das erste Argument will in dem Begriff eines vom Denken unabhängigen Seins einen Widerspruch sehen. Durch das Denken


7 Philos, als Denken der Welt gemäß dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes, Berlin 1903 Kritik der reinen Erfahrung, Leipzig 1907 * Der menschliche Weltbegriff, ehd. 1905Ä.

8 Eine eingehende Kritik hei Külpe Ph 23ff. Klimke a.a.O. S. 416ff.

9 Külpe E 149 ff. Eine zusammenfassende Darstellung hei Klimke, a. a. O. S. 431-451.

10 Külpe unterscheidet ein logisches, empirisches, formales, teleologisches und genetisches Argument.

Martin Heidegger (GA 1) Frühe Schriften

GA 1