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Das Realitätsproblem in der modernen Philosophie (1912)

Aber, so werden die Konszientialisten uns den Weg verlegen wollen, die realen Gesetzmäßigkeiten in der Verknüpfung der Denkakte sind eben auch psychische Tatbestände, Kausalgesetze psychischen Geschehens und damit kein Argument gegen unsere Behauptung. Es kommt hier wieder die verfehlte Ineinssetzung von psychischem Akt und logischem Inhalt zum Durchbruch. Die logischen Grundsätze sind nicht induktiv begründete und dementsprechend geltende Kausalgesetze des subjektiven psychischen Geschehens; vielmehr sehen wir in ihnen unmittelbar evidente, objektive, ideale Prinzipien, „deren Inhalt die allgemeinsten Beziehungen zwischen dem intentionalen Gedanken und dem Gegenstand [im logischen Sinne] darstellt“12. Schließlich kommt das besagte empirische Argument mit der psychologischen Erfahrung in Widerstreit. Denn schon das Innewerden eines Gegenwärtighabens von Bewußtseinsinhalten begreift ein Hinausgehen über die gegebene Bewußtseinssphäre in sich. Und dabei bietet diese nicht einmal den Urbestand der Erfahrung; dieser kann erst durch eine abstrahierende, dem unmittelbar Gegebenen transzendente Denktätigkeit herausgeschält werden13. Und wie soll durch das bloße Haben von Bewußtseinstatsachen eine für die wissenschaftliche Erkenntnis benötigte Gewißheit erreicht werden?

Sicherlich, sagt das dritte, methodologische Argument, ist das Ziel der Wissenschaft die absolute Gewißheit und Allgemeingültigkeit ihrer Sätze. Diese lassen sich aber nicht auf willkürlich herbeigezogenen Voraussetzungen und Hypothesen aufbauen; das einzig sichere, nicht unterwühlbare Fundament kann nur das unmittelbar, unabweislich im Bewußtsein Gegebene bieten. Demgegenüber ist zu bemerken, von reinen Tatsachen (auch von Urteilen als psychische Akte betrachtet) läßt sich die Gewißheit nicht prädizieren. Tatsachen sind eben oder sind nicht.


12 Grundlagen a.a.O. S. 275; vgl. für das berührte allgem. Problem E. Husserl, Logische Untersuchungen I (1900) § 17 ff., A. Messer, Empfindung und Denken, Leipzig 1908, S. 163 ff.

13 vgl. W. Wundt, Grundriß der Psychol., Leipzig 1911 S. 34 f.

Martin Heidegger (GA 1) Frühe Schriften

GA 1