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Das Realitätsproblem in der modernen Philosophie ( 112)

Gewiß sind nur Erkenntnisse, und diese lassen sich, wie wir oben gesehen, aus den Bewußtseinsdaten allein nicht erzielen. Külpe schreibt über diese besonders von Mach postulierte Gewißheit: „Unerschütterlich ist diese Gewißheit freilich, aber nicht, weil sie sich im Streit bewährt, weil sie dem Widerspruch obsiegt und standhält, sondern weil überhaupt kein Streit und Widerspruch bei ihr möglich ist“14.

2. Für den Konszientialismus, dessen Begründung wir eben als nicht stichhaltig erwiesen haben, besteht im Grunde genommen unser Problem gar nicht. Nicht so radikal zeigt sich die erkenntnistheoretische Richtung des Phänomenalismus. Dieser hält eine Setzung von Realem für möglich und notwendig, aber auch nur das. Eine Bestimmung des Realen ist in seinem Gesetzbuch verboten. Ein unbekanntes X, das rätselhafte Ding an sich, fungiert als Substrat für die von außen im Subjekt angeregten Sinnesempfindungen. Der klassische Vertreter des Phänomenalismus ist Kant. Nach ihm tragen nämlich die transzendentalen Bedingungen der Anschauungs- und Verstandeserkenntnis genetisch-apriorischen, subjektiven Charakter, wie er es in seiner „transzendentalen Elementaxlehre“ zu zeigen versuchte15. Wir erkennen somit die Dinge nur in den subjektiven Verhüllungen, so wie sie uns erscheinen. Ganz abgesehen davon, daß der Schluß von der Apriorität und Subjektivität der Anschauungsund Verstandesformen auf die phänomenalistische Annahme nicht berechtigt ist, wie es bei oberflächlicher Betrachtung des Problems zwar scheinen möchte, bleibt die Behauptung eines modifizierenden Verhaltens dieser Formen im subjektiven Sinne eine rein dogmatische Annahme. Es wird für dieses Vorurteil den Beweis zu erbringen immer unmöglich sein. Kant hat selbst seine These, daß nur Anschauliches gedacht werden könne, mithin der Verstand kein spezifisches Objekt habe, aufgegeben, als er die reinen Verstandesbegriffe und deren Deduktion zum Gegenstand


14 Külpe, Ph 27.

15 Kr. d. r. V. A 17 ff., B 31 ff.

Martin Heidegger (GA 1) Frühe Schriften

GA 1