13
20 Das Realitätsproblem in der modernen Philosophie (1912)

Grund des Gesetzes der spezifischen Sinnesenergie subjektive Modifikationen erfahren, die Beziehungen als solche müssen als objektiv-reale Gesetzmäßigkeiten gesetzt werden. Die Abstraktion von den subjektiven Momenten, worin negativ die Aufgabe der speziellen Realisierung besteht, die Herausstellung des objektiven Tatbestandes aus der Welt der Bewußtseins Wirklichkeit, kann nur geleistet werden durch Erfahrung und Denken. Das reine Denken ist für die Entscheidung über ideales oder reales Sein ein nichtzuständiger Gerichtshof. Ob reale Gegenstände existieren, davon kann uns nur die Erfahrung Kenntnis geben, doch auch nicht so, daß sie in alleiniger Machtvollkommenheit hierüber entscheidet. Die Sinneseindrücke als solche sind nicht schon das Reale; sie können für eine realistische Bestimmung nicht ohne weiteres verwendet werden. Nur also, wo empirische und rationale Momente zusammenwirken, gibt es einen guten Klang. Wird die Außenwelt als Ursache unserer Wahrnehmungen gesetzt, dann ist hier ein gemischtes Kriterium wirksam. Külpe hält zwar gerade dieses Kriterium, das seit Schopenhauer besondere Bedeutung erlangte, nicht für ganz zutreffend, indem „das eigentliche Motiv des naturwissenschaftlichen Realismus verkannt und der Anschein erweckt [werde], als wenn sich aus den subjektiven Wirkungen auf die Beschaffenheit der objektiven Ursachen schließen ließe“ (EN 24). Ein kausales Verhältnis zwischen Außenwelt und Sinnesempfindung wird unbestreitbar bestehen müssen; damit ist aber über die Qualität der erregenden Ursache noch nichts ausgemacht. Wie die wissenschaftliche Erfahrung zeigt, sind die Sinnesreize (Bewegungsvorgänge) nicht zu vergleichen mit den wahrgenommenen Gegenständen, wie Farbe, Ton, Geruch, Geschmack. Külpe hat uns, offenbar um eine verkehrte Meinung fernzuhalten, das Kriterium auf einen anderen, freilich bestimmteren, Ausdruck gebracht, wenn er in der Außenwelt „die Trägerin der fremdgesetzlichen Beziehungen unserer Sinneseindrücke“ sieht. Nach Analogie einer physikalischen Erscheinung (der erzwungenen Bewegung) bestimmt er diese Beziehungen als erzwungene,


Martin Heidegger (GA 1) Frühe Schriften

GA 1