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Das Realitätsproblem in der modernen Philosophie (1912)

Angesichts der heute schon vielfach von pragmatistischen (wissenschaftlich recht seichten) Gedanken durchsetzten Denkweise sucht Külpe auch eine Antwort auf die Frage, ob wohl auch unter diesem, freilich für die Wissenschaft nicht allein maßgeblichen Gesichtspunkt dem kritischen Realismus eine nennenswerte Bedeutung zufalle. Sie fällt mit Recht in bejahendem Sinne aus. Er zeigt in seiner überaus lebendigen Darstellungsweise, daß die gegenteiligen Anschauungen des Konszientialismus und Phänomenalismus im letzten Grunde die Aufgabe der Realwissenschaften und deren Ausführung auf ein totes Geleise schieben. Er schreibt: „Es gibt kaum, etwas Unerquicklicheres als die verklausulierte Darstellung derjenigen Naturforscher, die im Sinne dieser Erkenntnistheorie [des Konsz.] fortwährend versichern, daß sie mit der Wahl realistischer Ausdrücke selbstverständlich keine realistischen Ansichten verbinden wollen. Sie tragen eine ihrem Gebiete fremde Auffassung in die Darstellung desselben hinein und vergessen, daß Vorsicht nicht nur die Mutter der Weisheit, sondern auch der Untätigkeit ist. Nur wer an die Bestimmbarkeit einer realen Natur glaubt, wird seine Kräfte an deren Erkenntnis setzen"21.

Kann man Külpe auch nicht durchgehende zustimmen, so vor allem nicht hinsichtlich seiner Auffassung der „induktiven“ Metaphysik, ihres hypothetischen Charakters, ihrer Begründung —, sein Verdienst wird es bleiben, die Erkenntnistheorie, die sich weitab vom Wege verirrte, wieder vor ihre eigentliche Aufgabe gestellt zu haben22. Die aristotelisch-scholastische Philosophie, die von jeher realistisch dachte, wird diese neue erkenntnistheoretische Bewegung nicht aus dem Auge verlieren; positiv fördernde Arbeit muß ihr angelegen sein.


21 Külpe, EN 38.

22 Der Einfluß Ed. v. Hartmanns und seines „transzendentalen Realismus" hat von der Philosophie her einer realistischen Denkweise am meisten vorgearbeitet.

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