Galtung Mensch könnte auch nach andern Gesetzen denken müssen.
Hier tritt die empiristische, relativistische Tendenz des Psychologismus greifbar zu Tage. Husserl hat gerade das Argument, daß der Psychologismus überhaupt innerlich widerspruchsvoll ist, allseitig begründet und angewandt. Einen wertvollen Beitrag zur Kritik liefert auch Geyser8. Wenn an kritischen Gesichtspunkten nichts wesentlich Neues beigebracht, wird, so bleibt die Arbeit doch wertvoll besonders im zweiten, liistorischen Teil, der zeigt, daß der Psychologismus nicht erst von heute ist. Daß wirklich Kant seiner kritischen Grundtendenz nach unter die Psychologisten zählt, darf meines Erachtens nicht bloß dahingestellt bleiben, sondern muß trotz der vielen dagegensprechenden Stellen verneint werden, ohne daß man sich zur Erhärtung dieser These auf die Seite der extremen Neukantianer zu schlagen braucht.
Grundlegend für die Erkenntnis der Widersinnigkeit und theoretischen Unfruchtbarkeit des Psychologismus bleibt die Unterscheidung von psychischem Akt und logischem Inhalt, von realem in der Zeit verlaufenden Denkgeschehen und dem idealen außerzeitlichen identischen Sinn, kurz die Unterscheidung dessen, was „ist“, von dem, was „gilt“. Dieser reine, in sich Bestand habende Sinn ist Gegenstand der Logik, und damit wird ihr von Anfang an der Charakter einer empirischen Disziplin genommen. Die „Funktion“ der logischen Grundgesetze als Normen des Denkens erweist sich einer tieferen Betrachtung als ein abgeleitetes Moment. Die Sätze des Widerspruchs, des ausgeschlossenen Dritten sind ideale inhaltliche Beziehungen zwischen den Denkgegenständen überhaupt, für die es vollständig belanglos bleibt, ob, wann und wie sie gedacht werden.
8 Jahrbuch des Viereins für christliche Erziehungswissenschaft: Systematische und historische Darstellung der anthropologischen Auffassung des Erkennens, S. 98—185. Auf die „Grundlagen der Logik und Erkenntnislehre“ (vgl. vorläufig „Lit. Rundsch.“ 1911, S. 287) desselben Verf. werden wir in anderem Zusammenhang zurückkommen.