21
§ 4. Das Wesen der Erkenntnis überhaupt

nur im Sinne von „selbstverständlichen Voraussetzungen“ an. Um so weniger darf die Interpretation die vorauswirkende Funktion dieser „Setzungen“ übersehen. Sie lassen sich in die These zusammenfassen:

Der Quellgrund für die Grundlegung der Metaphysik ist die menschliche reine Vernunft, so zwar, daß für den Kern dieser Grundlegungsproblematik gerade die Menschlichkeit der Vernunft, d. h. ihre Endlichkeit wesentlich wird. Es gilt daher, die Charakteristik des Ursprungsfeldes auf die Klärung des Wesens der Endlichkeit menschlicher Erkenntnis zu konzentrieren. Diese Endlichkeit der Vernunft besteht aber keineswegs nur und in erster Linie darin, daß das menschliche Erkennen vielerlei Mängel der Unbeständigkeit und Ungenauigkeit und des Irrtums zeigt, sondern sie liegt im Wesensbau der Erkenntnis selbst. Die faktische Beschränktheit des Wissens ist erst eine Folge dieses Wesens.

Um das Wesen der Endlichkeit der Erkenntnis herauszustellen, bedarf es einer allgemeinen Kennzeichnung des Wesens des Erkennensc. Schon in Rücksicht hierauf wird das, was Kant mit dem ersten Satz der thematischen Erörterung der Kritik der reinen Vernunft sagt, meist allzu nieder eingeschätzt: „Auf welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine Erkenntnis auf Gegenstände beziehen mag, es ist doch diejenige, wodurch sie sich auf dieselben unmittelbar bezieht, und worauf alles Denken als Mittel abzweckt, die Anschauung.“24d

Für alles Verständnis der Kritik der reinen Vernunft muß man sich gleichsam einhämmern: Erkennen iste primärf Anschauen.


24 Α 19, Β 33 (von Kant selbst gesperrt).


c menschlichen

d vgl. Kr.r.V. Β 306; Vorrang der Anschauung! vgl. Fortschritte (Meiner) S. 157

e im Wesen! vgl. S. 51! vgl. S. 66

f vgl. S. 25 „eigentlich“ — was heißt das? Anschauen meint hier das Seiende selbst offenbar haben qua hin-nehmendes, geben lassend. Erkennen ist „primär“, d, h. in erster Linie, im Grunde seines Wesens (qua endliches);


Martin Heidegger (GA 3) Kant und das Problem der Metaphysik