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Grundlegung der Metaphysik in ihrer Ursprünglichkeit

Somit muß die „Anthropologie“, die Kant ja viele Jahre hindurch in seinen Vorlesungen behandelt hat, über den gelegten Grund der Metaphysik Aufschluß geben182.

„Die Einbildungskraft (facultas imaginandi) [ist] ein Vermögen der Anschauungen auch ohne Gegenwart des Gegenstandes“183. Die Einbildungskraft gehört demnach zum Anschauungsvermögen. In der angeführten Definition wird unter Anschauung zunächst die empirische Anschauung des Seienden verstanden. Als „sinnliches Vermögen“ gehört die Einbildungskraft unter die Erkenntisvermögen, die in Sinnlichkeit und Verstand geschieden sind, davon die erste das „untere“ Erkenntnisvermögen darstellt. Die Einbildungskraft ist eine Weise des sinnlichen Anschauens „auch ohne Gegenwart des Gegenstandes“. Das angeschaute Seiende braucht nicht selbst anwesend zu sein, mehr noch, die Einbildung schaut das in ihr als Anschauung Hingenommene nicht an als ein wirklich Vorhandenes, und nur als dieses, wie die Wahrnehmung, für welche das Objekt „als gegenwärtig vorgestellt werden muß“184. Die Einbildungskraft „kann“ anschauen, einen Anblick hinnehmen, ohne daß das betreffende Angeschaute sich selbst als Seiendes zeigt und von sich her allein den Anblick verschafft.

So liegt zunächst in der Einbildungskraft eine eigentümliche Nichtgebundenheit an das Seiende. Sie ist freizügig im Hinnehmen von Anblicken, d. h. sie ist das Vermögen, solche sich in gewisser Weise selbst zu geben. Die Einbildungskraft kann


182 Die Aufgabe einer monographischen Darstellung und Auslegung dessen, was Kant über die Einbildungskraft in seiner Anthropologie, in der Kritik der reinen Vernunft, in der Kritik der Urteüskraft und in den übrigen Schriften und Vorlesungen lehrt, hat H, Mörchen in seiner Marburger Dissertation: Die Einbildungskraft bei Kant, 1928, übernommen. Die Arbeit wird in Bd. XI des Jahrbuches f. Philos. und phänomenolog. Forschung erscheinen. Die vorliegende Darstellung beschränkt sich auf das Notwendigste, in ausschließlicher Orientierung auf das leitende Problem der Grundlegung der Metaphysik.

183 I. Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. WW (Cass.) VIII, § 28, S. 54.

184 Reicke, Lose Blätter aus Kants Nachlaß, 1889, S. 102.