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Hölderlin und das Wesen der Dichtung

Wesensbesfimmung der Dichtung. Daher ist unser Vorhaben schon im Ansatz verfehlt. Gewiß — solange wir unter »Wesen der Dichtung« das verstehen, was in einen allgemeinen Begriff zusammengezogen wird, der dann für jede Dichtung in gleicher Weise gilt. Aber dieses Allgemeine, das so für alles Besondere gleich gilt, ist immer das Gleichgültige, jenes »Wesen«, das niemals wesentlich werden kann. Doch eben dieses Wesentliche des Wesens suchen wir, jenes, was uns zur Entscheidung zwingt, ob und wie wir die Dichtung künftig emst nehmen, ob und wie wir die Voraussetzungen mitbringen, im Machtbereich der Dichtung zu stehen.

Hölderlin ist nicht darum gewählt, weil sein Werk als eines unter anderen das allgemeine Wesen der Dichtung verwirklicht, sondern einzig deshalb, weil Hölderlins Dichtung von der dichterischen Bestimmung getragen ist, das Wesen der Dichtung eigens zu dichten. Hölderlin ist uns in einem ausgezeichneten Sinne der Dichter des Dichters. Deshalb stellt er in die Entscheidung.

Allein — über den Dichter dichten, ist dies nicht das Anzeichen einer verirrten Selbstbespiegelung und zugleich das Eingeständnis des Mangels an Weltfülle? Über den Dichter dichten, ist das nicht ratlose Übersteigerung, etwas Spätes und ein Ende?

Die Antwort sei durch das Folgende gegeben. Der Weg freilich, auf dem wir die Antwort gewinnen, ist ein Notweg. Wir können hier nicht, wie es sein müßte, die einzelnen Dichtungen Hölderlins in einem geschlossenen Gang auslegen. Statt dessen bedenken wir nur fünf Leitworte des Dichters über die Dichtung. Die bestimmte Ordnung dieser Worte und ihr innerer Zusammenhang sollen das wesentliche Wesen der Dichtung vor Augen stellen.



1.


In einem Brief an die Mutter vom Januar 1799 nennt Hölderlin das Dichten »diss unschuldigste aller Geschäfte« (III, 377). Inwiefern ist es das »unschuldigste«? Das Dichten erscheint in der


Martin Heidegger (GA 4) Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung