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»Andenken«

Dagegen will das echte Wünschen, das die Elegie >Der Gang aufs Land< ins Wort bringt, das Schickliche (IV, 112):


Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,

Was wir wollen, und scheint schiklich und freudig zugleich.


Nicht Mächtiges — nicht Großartiges und im Eindruck Wirksames, auch nicht solches, was der Gewalt bedarf und durch Herrschaft sich erst eine Geltung sichert. Unscheinbar waltend gehört es doch zum Leben, wohl nicht als bloßes Zubehör, sondern als das Gehörige, darauf die Erdensöhne im voraus hören müssen, wenn sie wohnen wollen auf dieser Erde. Da aber dieses Wohnen dichterisch ist, kann auch dies zum Leben Gehörige nur das sein, was wir, d.h. die Dichter, wollen. Die Meinung ihres Herzens meint das Gedicht des Heiligen, das im Schicksal verweilt zur Zeit des Festes. Des Herzens Meinung denkt an die Feier des Festes. Solche Meinung sagen, das dient der Bereitung der Inständigkeit im Wesen des zugeschickten Dichtertums. Indem jedoch das gute Gespräch des Herzens Meinung sagt, läßt es


hören viel

Von Tagen der Lieb',

Und Thaten, welche geschehen.


Das viel bedeutet hier den Reichtum der Fülle des Einen, nicht das Vielerlei einer Menge des Verstreuten. Dies Hören vernimmt nie das nur Vergangene, sondern hört das Gewesene, indem es eingeweiht wird in das Wesen des Geschehenen. Dies Hören denkt an die Großmut und die Sanftmut und die Langmut der Tage der Liebe. Ihr Geist ist der Wille, daß das Geliebte in sein eigenes Wesen finde und darin festbleibe. Dies Hören ist ein Andenken an den Freimut und Opfermut der Thaten, die als geschehene stets eine Vollendung sind und Gültiges gründen. Liebe und Taten erfüllen das Hochgemute des Mutes, aus dem allein das Gemüt der Sterblichen sich anfänglich bereit macht für die Zumutimg eines Geschickes, das, über den Menschen und doch unter den Göttern stehend, das Ungleiche des Halbgottes


Martin Heidegger (GA 4) Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung