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Das Ding und das Werk

nur dieses überkommenen Wissens vom Ding ausdrücklich zu versichern, um der trockenen Mühe des eigenen Suchens nach dem Dinghaften des Dinges enthoben zu sein. Die Antworten auf die Frage, was das Ding sei, sind in einer Weise geläufig, daß man dahinter nichts Fragwürdiges mehr vermutet.

Die Auslegungen der Dingheit des Dinges, die, im Verlauf des abendländischen Denkens herrschend, längst selbstverständlich geworden und heute im alltäglichen Gebrauch sind, lassen sich auf drei zusammenbringen.

Ein bloßes Ding ist z. B. dieser Granitblock. Er ist hart, schwer, ausgedehnt, massig, unförmig, rauh, farbig, teils matt, teils glänzend. All dieses Aufgezählte können wir dem Stein abmerken. Wir nehmen so seine Merkmale zur Kenntnis. Aber die Merkmale meinen doch solches, was dem Stein selbst eignet. Sie sind seine Eigenschaften. Das Ding hat sie. Das Ding? Woran denken wir, wenn wir jetzt das Ding meinen? Offenbar ist das Ding nicht nur die Ansammlung der Merkmale, auch nicht die Anhäufung der Eigenschaften, wodurch erst das Zusammen entsteht. Das Ding ist, wie jedermann zu wissen glaubt, jenes, um das herum sich die Eigenschaften versammelt haben. Man redet dann vom Kern der Dinge. Die Griechen sollen dies τό ὑποκείμενον genannt haben. Dieses Kernhafte des Dinges war ihnen freilich das zum Grunde und immer schon Vorliegende. Die Merkmale aber heißen τά συμβεβηκότα, jenes, was sich mit dem jeweils Vorliegenden immer auch schon eingestellt hat und mit dabei vorkommt.

Diese Benennungen sind keine beliebigen Namen. In ihnen spricht, was hier nicht mehr zu zeigen ist, die griechische Grunderfahrung des Seins des Seienden im Sinne der Anwesenheit. Durch diese Bestimmungen aber wird die fortan maßgebende Auslegung der Dingheit des Dinges gegründet und die abendländische Auslegung des Seins des Seienden festgelegt. Sie beginnt mit der Übernahme der griechischen Wörter in das römisch-lateinische Denken, ΰποκεΐμενον wird zu subiectum;


Martin Heidegger (GA 5) Holzwege

Basic Writings pp. 148-149

GA 5