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Das Werk und die Wahrheit

borgenheit gebracht und in ihr gehalten. Halten heißt ursprünglich hüten. Im Gemälde van Goghs geschieht die Wahrheit. Das meint nicht, hier werde etwas Vorhandenes richtig abgemalt, sondern im Offenbarwerden des Zeugseins des Schuhzeuges gelangt das Seiende im Ganzen, Welt und Erde in ihrem Widerspiel, in die Unverborgenheit.

Im Werk ist die Wahrheit am Werk, also nicht nur ein Wahres. Das Bild, das die Bauernschuhe zeigt, das Gedicht, das den römischen Brunnen sagt, bekunden nicht nur, was dieses vereinzelte Seiende als dieses sei, falls sie je bekunden, sondern sie lassen Unverborgenheit als solche im Bezug auf das Seiende im Ganzen geschehen1. Je einfacher und wesentlicher nur das Schuhzeug, je ungeschmückter und reiner nur der Brunnen in ihrem Wesen aufgehen, um so unmittelbarer und einnehmender wird mit ihnen alles Seiende seiender. Dergestalt ist das sichverbergende Sein gelichtet. Das so gèartete Licht fügt sein Scheinen ins Werk. Das ins Werk gefügte Scheinen ist das Schöne. Schönheit ist eine Weise, wie Wahrheit als Unverborgenheit west.

Zwar ist jetzt das Wesen der Wahrheit nach einigen Hinsichten deutlicher gefaßt. Demzufolge mag klarer geworden sein, was im Werk am Werke ist. Allein, das jetzt sichtbare Werksein des Werkes sagt uns immer noch nichts über die nächste und aufdringliche Wirklichkeit des Werkes, über das Dinghafte am Werk. Fast scheint es sogar, als hätten wir in der ausschließlichen Absicht, das Insichstehen des Werkes selbst möglichst rein zu fassen, darüber das Eine völlig übersehen, daß ein Werk immer ein Werk, das will doch sagen, ein Gewirktes ist. Wenn etwas das Werk als Werk auszeichnet, dann gilt dies vom Geschaffensein des Werkes. Insofern das Werk geschaffen wird und das Schaffen eines Mediums bedarf, aus dem und in dem es schafft, kommt auch jenes Dinghafte ins Werk. Das ist unbestreitbar. Allein, die Frage bleibt doch:


a Reclam-Ausgabe 1960: Ereignis.


Martin Heidegger - Der Ursprung des Kunstwerkes (GA 5) Holzwege

GA 5