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Die Wahrheit und die Kunst

eines Seienden west. Was ist die Kunst? Wir suchen ihr Wesen im wirtlichen Wert. Die Wirklichkeit des Wertes bestimmte sich aus dem, was im Wert am Wert ist, aus dem Geschehen der Wahrheit. Dieses Geschehnis denken wir als die Bestreitung des Streites zwischen Welt und Erde. In der gesammelten Bewegnis dieses Bestreitens west die Ruhte. Hier gründet das Insichruhen des Wertes.

Im Wert ist das Geschehnis der Wahrheit am Wert. Aber was so am Wert ist, ist es doch im Wert. Demnach wird hier schon das wirtliche Wert als der Träger jenes Geschehens vorausgesetzt. Sogleich steht wieder die Frage nach jenem Dinghaften des vorhandenen Wertes vor uns. So wird denn endlich dies eine klar: Wir mögen dem Insichstehen des Wertes noch so eifrig nachfragen, wir verfehlen gleichwohl seine Wirklichkeit, solange wir uns nicht dazu verstehen, das Wert als ein Gewirktes zu nehmen. Es so zu nehmen, liegt am nächsten; denn im Wort Wert hören wir das Gewirkte. Das Werthaft e des Wertes besteht in seinem Geschaffenseim durch den Künstler. Es mag verwunderlich scheinen, daß diese nächstliegende und alles klärende Bestimmung des Wertes erst jetzt genannt wird.

Das Geschaffensein des Wertes läßt sich aber offenbar nur aus dem Vorgang des Schaffens begreifen. So müssen wir uns unter dem Zwang der Sache doch dazu verstehen, auf die Tätigkeit des Künstlers einzugehen, um den Ursprung des Kunstwertes zu treffen. Der Versuch, das Wertseina des Wertes rein aus diesem selbst zu bestimmen, erweist sich als undurchführbar.

Wenn wir uns jetzt vom Wert abkehren und dem Wesen des Schaffens nachgehen, so möchten wir doch jenes im Wissen behalten, was zuerst vom Bild der Bauernschuhe und dann vom griechischen Tempel gesagt wurde.

Das Schaffen denken wir als ein Hervorbringen. Aber ein


a Reclam-Ausgabe 1960: Was heißt ›Werksein‹? Mehrdeutig.


Martin Heidegger (GA 5) Holzwege

GA 5