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Hegels Begriff der Erfahrung

von uns als den Erkennenden verlangt. Die geläufige Kritik am philosophischen Erkennen nimmt dieses unbesehen als ein Mittel. Die Kritik bezeugt damit, daß sie das absolute Erkennen weder kennt, noch imstande ist, es zu vollziehen. Das Unvermögen, allem zuvor die Parusie des Absoluten zu vernehmen und hinzunehmen, ist das Unvermögen zur Wissenschaft. Das übereifrige Bemühen um die Bedenken und das Prüfen umgebt die Muhe der Wissenschaft, auf solches Hinnehmen sich einzulassen. Den Schritt in die Parusie des Absoluten gibt uns das Absolute nicht im Schlafe. Der Schritt ist keineswegs deshalb so seltsam schwierig, weil wir, wie man meint, irgendwoher von außen erst in die Parusie gelangen 127 müßten, sondern weil es gilt, innerhalb der Parusie und so aus ihr unsere Beziehung zu ihr hervor und vor sie zu bringen. Darum erschöpft sich die Mühe der Wissenschaft nicht darin, daß sich der Erkennende, bei sich beharrend, an jenem Schritt abarbeitet. Die Mühe der Wissenschaft stammt vielmehr aus ihrem Verhältnis zur Parusie.

Die Absolutheit des Absoluten, die absolvent sich absolvierende Absolution, ist die Arbeit des Sichbegreifens der unbedingten Selbstgewißheit. Sie ist die Mühsal des Schmerzes, die Zerrissenheit auszuhalten, als welche die un-endliche Relation ist, in der sich das Wesen des Absoluten erfüllt. Frühzeitig notiert Hegel einmal: »Ein geflickter Strumpf besser als ein zerrissener, nicht so das Selbstbewußtsein«. Wenn Hegel von der Arbeit des Begriffes spricht, dann meint er nicht den Schweiß der Gehirnanstrengung bei Gelehrten, sondern das Sich-heraus-ringen des Absoluten selbst in die Absolutheit seines Sich-begreifens aus der unbedingten Selbstgewißheit. Mit der so gearteten Mühe des Absoluten läßt sich gleichwohl das Mühelose vereinen, das die Parusie, insofern sie die Beziehung des Anwesens bei uns ist, kennzeichnet. Das Absolute gehört einfach als das Absolute in diese Beziehung. Der Mühe, im Absoluten seine Anwesenheit und sich in dieser zur Erscheinung zu bringen, entspricht die Mühe der Wissenschaft. Aus


Martin Heidegger - Hegels Begriff der Erfahrung (GA 5) Holzwege

GA 5