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Nietzsches Wort »Gott ist tot«

Inmitten der Wissenschaften denken heißt: an ihnen vorbeigehen, ohne sie zu verachten.

Wir wissen nicht, welche Möglichkeiten das Geschick der abendländischen Geschichte unserem Volk und dem Abendland aufbehält. Die äußere Gestaltung und Einrichtung dieser Möglichkeiten ist auch nicht das zuerst Nötige. Wichtig ist nur, daß Lernende im Denken mitlernen und zugleich in ihrer Weise mitlehrend auf dem Weg bleiben und im rechten Augenblick da sind.

Die folgende Erläuterung hält sich mit ihrer Absicht und nach ihrer Tragweite im Bezirk der einen Erfahrung, aus der »Sein und Zeit« gedacht ist. Das Denken wird unablässig von dem einen Geschehnis angegangen, daß in der Geschichte des 196 abendländischen Denkens zwar von Anfang an das Seiende hinsichtlich des Seins gedacht wird, daß jedoch die Wahrheit des Seins ungedacht bleibt und als mögliche Erfahrung dem Denken nicht nur verweigert ist, sondern daß das abendländische Denken selbst und zwar in der Gestalt der Metaphysik das Geschehnis dieser Verweigerung eigens, aber gleichwohl unwissend verhüllta.

Das vorbereitende Denken hält sich deshalb notwendig im Bereich der geschichtlichen Besinnung. Die Geschichte ist für dieses Denken nicht die Abfolge von Zeitaltern, sondern eine einzige Nähe des Selben, das in unberechenbaren Weisen des Geschickes und aus wechselnder Unmittelbarkeit das Denken angeht.

Jetzt gilt die Besinnung der Metaphysik Nietzsches. Sein Denken sieht sich im Zeichen des Nihilismus. Das ist der Name für eine von Nietzsche erkannte, bereits die voraufgehenden Jahrhunderte durchherrschende und das jetzige Jahrhundert bestimmende geschichtliche Bewegung. Deren Auslegung nimmt Nietzsche in den kurzen Satz zusammen: »Gott ist tot«.


a 1. Auflage 1950: Verweigerung und Vorenthalt.


Martin Heidegger - Hegels Begriff der Erfahrung (GA 5) Holzwege

GA 5