214
Nietzsches Wort »Gott ist tot«

Allein, dieses Andere muß so sein, daß es das Selbe trifft, dem der erläuterte Text nachdenkt.

Nietzsche hat das Wort »Gott ist tot« zum ersten Mal im dritten Buch der 1882 erschienenen Schrift »Die fröhliche Wissenschaft« ausgesprochen. Mit dieser Schrift beginnt der Weg Nietzsches zur Ausbildung seiner metaphysischen Grundstellung. Zwischen dieser Schrift und der vergeblichen Mühsal mit der Gestaltung des geplanten Hauptwerkes liegt die Veröffentlichung von »Also sprach Zarathustra«. Das geplante Hauptwerk ist nie vollendet worden. Zeitweilig sollte es den Titel tragen »Der Wille zur Macht« und den Untertitel erhalten »Versuch einer Umwertung aller Werte«.

Der befremdende Gedanke an den Tod eines Gottes und an das Sterben der Götter war schon dem jungen Nietzsche vertraut. In einer Aufzeichnung aus der Zeit der Ausarbeitung seiner ersten Schrift »Die Geburt der Tragödie« schreibt Nietzsche (1870): »Ich glaube an das urgermanische Wort: alle Götter müssen sterben«. Der junge Hegel nennt am Schluß der Abhandlung »Glauben und Wissen« (1802) das »Gefühl, worauf die Religion der neuen Zeit beruht — das Gefühl: Gott selbst ist tot ...« Hegels Wort denkt Anderes als Nietzsche in dem seinen. Gleichwohl besteht zwischen beiden ein wesentlicher Zusammenhang, der sich im Wesen aller Metaphysik verbirgt. Das aus Plutarch genommene Wort Pascals: »Le grand Pan est mort« (Pensées, 695) gehört, obzwar aus entgegengesetzten Gründen, in denselben Bereich.

Wir hören zunächst den vollständigen Wortlaut des Stückes Nr. 125 aus der Schrift »Die fröhliche Wissenschaft«. Das Stück ist betitelt: »Der tolle Mensch« und lautet:


Der tolle Mensch. — Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: »Ich suche Gottl Ich suche Gottl« — Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er


Martin Heidegger - Hegels Begriff der Erfahrung (GA 5) Holzwege

GA 5