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Nietzsches Wort »Gott ist tot«

»Gott ist tot« erst so, wie es gedacht ist. Die hinreichend klare Verdeutlichung dessen, was Nietzsche bei dem Wort Wert denkt, ist der Schlüssel zum Verständnis seiner Metaphysik. Im 19. Jahrhundert wird die Rede von den Werten geläufig und das Denken in Werten üblich. Aber erst zufolge einer Verbreitung der Schriften Nietzsches ist die Rede von Werten populär geworden. Man spricht von Lebenswerten, von den Kulturwerten, von Ewigkeitswerten, von der Rangordnung der Werte, von geistigen Werten, die man z. R. in der Antike zu finden glaubt. Bei der gelehrten Beschäftigung mit der Philosophie und bei der Umbildung des Neukantianismus kommt man zur Wertphilosophie. Man baut Systeme von Werten und verfolgt in der Ethik die Schichtungen von Werten. Sogar in der christlichen Theologie bestimmt man Gott, das summum ens qua summum bonum, als den höchsten Wert. Man hält die 210 Wissenschaft für wertfrei und wirft die Wertungen auf die Seite der Weltanschauungen. Der Wert und das Werthafte wird zum positivistischen Ersatz für das Metaphysische. Der Häufigkeit des Redens von Werten entspricht die Unbestimmtheit des Begriffes. Diese ihrerseits entspricht der Dunkelheit der Wesensherkunft des Wertes aus dem Sein. Denn gesetzt, daß der in solcher Weise vielberufene Wert nicht nichts ist, muß er wohl sein Wesen im Sein haben.

Was versteht Nietzsche unter Wert? Worin ist das Wesen des Wertes begründet? Warum ist die Metaphysik Nietzsches die Metaphysik der Werte?

In einer Aufzeichnung (1887/88) sagt Nietzsche, was er unter Wert versteht (W. z. M. A. 715): »Der Gesichtspunkt des >Werts< ist der Gesichtspunkt von Erhaltungs-, Steigerungs-Bedingungen in Hinsichta auf komplexe Gebilde von relativer Dauer des Lebens innerhalb des Werdens.«

Das Wesen des Wertes beruht darin, Gesichtspunkt zu sein. Der Wert meint solches, was ins Auge gefaßt ist. Wert bedeutet den Augenpunkt für ein Sehen, das es auf etwas absieht, a 1. Auflage 1950: Perspektive, Horizont.


Martin Heidegger (GA 5) Holzwege

GA 5