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Nietzsches Wort »Gott ist tot«

Wesen des Menschen innerhalb der Metaphysik gemäß ihrem Wesen zu denken ist, bleibt unserem Denken noch verhüllt. Die Frage ist kaum gefragt und durch das Vorherrschen der philosophischen Anthropologie ins Heillose verwirrt. In jedem [230] Falle aber wäre es irrig, wollte man die Formel des Wertsatzes als ein Zeugnis dafür nehmen, daß Nietzsche existenziell philosophiert. Das hat er nie getan. Aber er hat metaphysisch gedacht. Wir sind noch nicht reif für die Strenge eines Gedankens von der Art des folgenden, den Nietzsche um die Zeit seines Denkens für das geplante Hauptwerk »Der Wille zur Macht« aufzeichnete:

»Um den Helden herum wird alles zur Tragödie, um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel; und um Gott herum wird Alles — wie? vielleicht zur >Welt

Doch ist es an der Zeit, einsehen zu lernen, daß Nietzsches Denken, obzwar es historisch und auf den Titel gesehen eine andere Gebärde zeigen muß, nicht weniger sachhaft und streng ist als das Denken des Aristoteles, der im vierten Buch seiner Metaphysik den Satz vom Widerspruch als die erste Wahrheit über das Sein des Seienden denkt. Die üblich gewordene, aber deshalb nicht weniger fragwürdige Zusammenstellung Nietzsches mit Kierkegaard verkennt, und zwar aus einer Verkennung des Wesens des Denkens, daß Nietzsche als metaphysischer Denker die Nähe zu Aristoteles wahrt. Diesem bleibt Kierkegaard, obwohl er ihn öfter nennt, wesenhaft fern. Denn Kierkegaard ist kein Denker, sondern ein religiöser Schriftsteller und zwar nicht einer unter anderen, sondern der einzige dem Geschick seines Zeitalters gemäße. Darin beruht seine Größe, falls so zu reden nicht schon ein Mißverständnis ist.

Im Grund-Satz der Metaphysik Nietzsches ist mit dem Wesensverhältnis der Werte Kunst und Wahrheit die Wesenseinheit des Willens zur Macht genannt. Aus dieser Wesenseinheit des Seienden als solchen bestimmt sich das metaphysische We-


Martin Heidegger (GA 5) Holzwege

GA 5