sie das Deuten in eine seinsgeschichtliche Zwiesprache mit dem Dichten. Sie gilt der literarhistorischen Forschung unvermeidlich als ein unwissenschaftliches Vergewaltigen dessen, was jene für die Tatsachen hält. Die Zwiesprache gilt der Philosophie als ein Abweg der Ratlosigkeit in die Schwärmerei. Aber das Geschick zieht unn solches unbekümmert seine Bahn.
Begegnet uns Heutigen auf dieser Bahn, ein heutiger Dichter? Begegnet uns derjenige Dichter, der heute oft und eilig in die Nähe des Denkens gezerrt und mit viel halbgedachter Philosophie zugedeckt wird? Doch fragen wir diese Frage deutlicher in der ihr gemäßen Strenge.
Ist R. M. Rilke ein Dichter in dürftiger Zeit? Wie verhält sich sein Dichten zum Dürftigen der Zeit? Wie weit reicht es in den Abgrund? Wohin kommt der Dichter, gesetzt daß er dahin geht, wohin er es kann?
Das gültige Gedicht Rilkes zieht sich in geduldiger Sammlung auf die beiden schmalen Bände der Duineser Elegien und der Sonette an Orpheus zusammen. Der lange Weg zu diesem Gedicht ist selbst ein dichterisch fragender. Unterwegs erfährt Rilke das Dürftige der Zeit deutlicher. Dürftig bleibt die Zeit nicht nur, weil Gott tot ist, sondern weil die Sterblichen sogar ihr eigenes Sterbliches kaum kennen und vermögen. Noch sind die Sterblichen nicht im Eigentum ihres Wesens. Der Tod entzieht sich in das Rätselhafte. Das Geheimnis des Schmerzes bleibt verhüllt. Die Liebe ist nicht gelernt. Aber die Sterblichen sind. Sie sind, insofern Sprache ist. Noch weilt Gesang über ihrem dürftigen Land. Das Wort des Sängers hält noch die Spur des Heiligen. Das Lied aus den Sonetten an Orpheus sagt es (I. Teil. XIX):
Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.