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Wozu Dichter?

ihm in den ersten Band der hübschen Leder-Ausgabe eingeschrieben habe.«

Die hier von Rilke erwähnten improvisierten Verse sind nach einer Anmerkung der Herausgeber der Briefe aus Muzot (S. 404) das folgende Gedicht:


Wie die Natur die Wesen überläßt
dem Wagnis ihrer dumpfen Lust und keins
besonders schützt in Scholle und Geäst,
so sind auch wir dem Urgrund unsres Seins
nicht weiter lieb; es wagt uns. Nur daß wir,
mehr noch als Pflanze oder Tier
mit diesem Wagnis gehn, es wollen, manchmal auch
wagender sind (und nicht aus Eigennutz),
als selbst das Leben ist, um einen Hauch
wagender ... Dies schafft uns, außerhalb von Schutz,
ein Sichersein, dort, wo die Schwerkraft wirkt
der reinen Kräfte; was uns schließlich birgt,
ist unser Schutzlossein und daß wirs so
ins Offne wandten, da wirs drohen sahen,
um es, im weitsten Umkreis irgendwo,
wo das Gesetz uns anrührt, zu bejahen.


Rilke nennt dieses Gedicht »improvisierte Verse«. Aber dieses Nichtvorhergesehene öffnet uns eine Sicht, in der wir Rilkes Dichtung deutlicher zu denken vermögen. Daß freilich Dichten auch die Sache eines Denkens sei, müssen wir in diesem Weltaugenblick erst lernen. Wir nehmen das Gedicht als eine Einübung des dichterischen Sichbesinnens.

Der Bau des Gedichtes ist einfach. Die Gelenke sind deutlich. Sie ergeben vier Teile: Vers 1—5; Vers 5—10; Vers 10—12; Vers 12—16. Dem Beginn »Wie die Natur ...« entspricht in Vers 4/5 das »so sind auch wir ...«. Auf das »wir« zurück bezieht sich fortfahrend das »Nur« in Vers 5. Das »Nur« schränkt ein, aber in der Weise einer Auszeichnung. Sie wird Vers 5—10 ge-

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