Gedicht, das mit dem Wort Schwerkraft überschrieben ist (Sp. Ged. S. 156):
Schwerkraft
Mitte, wie du aus allen
dich ziehst, auch noch aus Fliegenden dich
wiedergewinnst, Mitte, du Stärkste.
Stehender: wie ein Trank den Durst
durchstürzt ihn die Schwerkraft.
Doch aus dem Schlafenden fällt,
wie aus lagernder Wolke,
reichlicher Regen der Schwere.
Die hier genannte Schwerkraft ist im Unterschied zur physischen Gravitation, von der man gewöhnlich hört, die Mitte des Seienden im Ganzen. Rilke nennt sie deshalb »die unerhörte Mitte« (Sonette. Zweiter Teil. XXVIII). Sie ist der Grund als das »Mit«, das mittelnd das eine zum anderen hält und alles im Spiel des Wagnisses versammelt. Die unerhörte Mitte ist »die ewige Mitspielerin« im Weltspiel des Seins. Dasselbe Gedicht, worin das Sein als das Wagnis gedichtet ist, nennt (Vers 11 und 12) den mittelnden Bezug als »die Schwerkraft der reinen Kräfte«. Die reine Schwerkraft, die unerhörte Mitte alles Wagens, die ewige Mitspielerin im Spiel des Seins ist das Wagnis.
Indem das Wagnis das Gewagte loswirft, behält es dieses zugleich in der Wage. Das Wagnis läßt das Gewagte los, so zwar, daß es das Losgeworfene in nichts anderes losläßt als in einen Zug zur Mitte. Das Gewagte ist mit diesem Zug zur Mitte beliehen. Das Wagnis holt das Gewagte in diesem Zug je und je zu sich ein. Etwas einholen und etwas sich irgendwoher beschaffen, es sich kommen lassen, nennen wir: es beziehen. Das ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Bezug. Wir sprechen noch vom Bezug der Ware, des Gehaltes, des Stromes. Der Zug, der als das Wagnis alles Seiende mit
Off the Beaten Track p. 211