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Wozu Dichter?

Absicht das Unständige. Dergestalt in das Schutzlose gewagt, bewegt sich der Mensch im Medium der Geschäfte und der »Wechsel«. Der sichdurchsetzende Mensch lebt von den Einsätzen seines Wollens. Er lebt wesenhaft im Risiko seines Wesens innerhalb der Vibration des Geldes und des Geltens der Werte. Der Mensch ist als dieser ständige Wechsler und Vermittler »der Kaufmann«. Er wiegt und erwägt ständig und kennt doch nicht das Eigengewicht der Dinge. Er weiß auch nie, was in ihm selbst eigentlich Gewicht hat und überwiegt. Rilke sagt es in einem der »Späten Gedichte« (S. 21 ff.):


»Ach wer kennt, was in ihm überwiegt.
Mildheit? Schrecken? Blicke, Stimmen, Bücher?«


Zugleich kann aber der Mensch außerhalb von Schutz »ein Sichersein« schöpfen, indem er das Schutzlossein als solches ins [290] Offene wendet und es dem Herzraum des Unsichtbaren einverwandelt. Geschieht dieses, dann geht das Ungestillte des Schutzlosseins dorthin über, wo in der ausgeglichenen Einheit des Weltinnenraumes das Wesen erscheint, das die Weise, in der jene Einheit eint, zum Scheinen bringt und dergestalt das Sein repräsentiert. Die Wage der Gefahr geht dann aus dem Bereich des rechnenden Wollens an den Engel über. Aus der Spätzeit Rilkes sind vier Verse erhalten, die offenbar den Beginn eines Entwurfes zu einer größeren Dichtung darstellen. Vorderhand braucht ein weiteres Wort zu diesen Versen nicht gesagt zu werden. Sie lauten (Gesammelte Werke. Bd. III. S. 458):


»Wenn aus des Kaufmanns Hand
Die Wage übergeht
an jenen Engel, der sie in den Himmeln
stillt und beschwichtigt mit des Raumes Ausgleich...«


Der ausgleichende Raum ist der Weltinnenraum, insofern er das weltische Ganze des Offenen einräumt. So gewährt er dem einen und dem anderen Bezug das Erscheinen ihrer einenden


Martin Heidegger (GA 5) Holzwege