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Wozu Dichter?

Mittel. Im Unterschied dazu gibt es ein Sagen, das sich eigens in die Sage einläßt, ohne doch über die Sprache zu reflektieren, wodurch auch diese noch zu einem Gegenstand würde. Das Eingehen in die Sage kennzeichnet ein Sagen, das einem zu Sagenden nachgeht, einzig um es zu sagen. Das zu Sagende dürfte dann jenes sein, was dem Wesen nach in den Bezirk der Sprache gehört. Das ist, metaphysisch gedacht, das Seiende im Ganzen. Dessen Ganzheit ist das Unversehrte des reinen Bezuges, das Heile des Offenen, insofern es sich dem Menschen einräumt. Das geschieht im Weltinnenraum. Dieser rührt den Menschen an, wenn er sich in der umkehrenden Er-innerung dem Herzraum zuwendet. Die Wagenderen wenden das Unheile des Schutzlosseins in das Heile des weltischen Daseins. Dies ist das zu Sagende. Im Sagen wendet es sich den Menschen zu. Die Wagenderen sind die Sagenderen von der Art der Sänger. Ihr Singen ist allem vorsätzlichen Sichdurchsetzen entwendet. Es ist kein Wollen im Sinne des Begehrens. Ihr Gesang bewirbt sich nicht um etwas, was herzustellen wäre. Im Gesang räumt sich der Weltinnenraum selbst ein. Der Gesang dieser Sänger ist kein Werben und kein Gewerbe.

[292] Das sagendere Sagen der Wagenderen ist der Gesang. Aber


»Gesang ist Dasein«


sagt das dritte Sonett des ersten Teils der Sonette an Orpheus. Das Wort Dasein ist hier im überlieferten Sinne von Anwesen und gleichbedeutend mit Sein gebraucht. Singen, eigens das weltische Dasein sagen, sagen aus dem Heilen des ganzen reinen Bezuges und nur dieses sagen, das bedeutet: in den Bezirk des Seienden selbst gehören. Dieser Bezirk ist als das Wesen der Sprache das Sein selber. Singen den Gesang heißt: Anwesen im Anwesenden selbst, heißt: Dasein.

Doch das sagendere Sagen ist, weil nur Wagendere es vermögen, auch nur manchmal. Denn es bleibt schwer. Das Schwere liegt darin, Dasein zu vollbringen. Das Schwere besteht nicht nur in der Schwierigkeit, das Sprachwerk zu bilden,


Martin Heidegger (GA 5) Holzwege