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Der Spruch des Anaximander

Stil dieser Überlieferung hat das Verhältnis der späteren Denker zur Geschichte des Denkens bis über Hegel hinaus mitgeprägt.

Der Neuplatoniker Simplikios schrieb um 550 n. Chr. einen umfangreichen Kommentar zur Physik des Aristoteles. In diesem Kommentar hat Simplikios den Text des Spruches des Anaximander aufgenommen und ihn dadurch dem Abendland erhalten. Er übernahm, den Spruch aus den φυσικών δόξαι des Theophrast. Seit der Zeit, da Anaximander diesen Spruch gesagt hat, wir wissen nicht wo und wie und zu wem, bis zu dem Augenblick, da Simplikios diesen Spruch in seinem Kommentar verzeichnete, ist mehr als ein Jahrtausend vergangen. Zwischen der Zeit dieser Aufzeichnung und dem jetzigen Augenblick liegt wiederum ein und ein halbes Jahrtausend.

Kann der Spruch des Anaximander aus der chronologisch-historischen Entfernung von zwei und einem halben Jahrtausend uns noch etwas sagen? Aus welcher Autorität soll er sprechen? Nur daraus, daß er der älteste ist? Das Antike und Antiquarische hat für sich kein Gewicht. Außerdem ist der Spruch zwar der älteste unter den überlieferten, wir wissen jedoch nicht, ob er auch der seiner Art nach früheste Spruch des abendländischen Denkens ist. Wir können dies vermuten, gesetzt, daß wir erst das Wesen des Abendlandes aus dem her denken, wovon der frühe Spruch spricht.

Aber welchen Anspruch hat die Frühe darauf, uns, die vermutlich spätesten Spätlinge der Philosophie, anzusprechen? Sind wir die Spätlinge einer Geschichte, die jetzt rasch auf ihr Ende zugeht, das alles in eine immer ödere Ordnung des Gleichförmigen verendet? Oder verbirgt sich in der chronologisch-historischen Entfernung des Spruches eine geschichtliche Nähe seines Ungesprochenen, das in das Kommende hinaus-spricht?

Stehen wir gar im Vorabend der ungeheuersten Veränderung der ganzen Erde und der Zeit des Geschichtsraumes, darin sie hängt? Stehen wir vor dem Abend für eine Nacht zu