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Der Spruch des Anaximander

derjenige, der gesehen hat, ein Anwesender ist, der in einem ausgezeichneten Sinne in das Ganze des Anwesenden gehört. Es bedeutet aber nicht, das Anwesende sei und sei gar nur als das Objektive in der Abhängigkeit von der Subjektivität des Sehers.

Τὰ ἐόντα, das gegenwärtig und ungegenwärtig Anwesende, ist der unauffällige Name dessen, was im Spruch des Anaximander eigens zur Sprache kommt. Das Wort nennt das, was als das noch Un-gesprochene, ungesprochen im Denken, allem Denken zugesprochen ist. Das Wort nennt das, was fortan, ob ausgesprochen oder nicht, alles abendländische Denken in den Anspruch nimmt.

Zum ausgesprochenen Grundwort des abendländischen Denkens werden aber ἑόν (anwesend) und εἶναι (anwesen) einige Jahrzehnte nach Anaximander erst durch Parmenides. Dies geschieht freilich nicht dadurch, daß Parmenides, wie die landläufige Irrmeinung heute noch lehrt, das Seiende »logisch«, vom Aussagesatz und seiner Copula her, ausgelegt hat. So weit ging innerhalb des griechischen Denkens nicht einmal Aristoteles, wenn er das Sein des Seienden aus der κατηγορία her dachte. Aristoteles vernahm das Seiende als das für das Aussagen schon Vorliegende, d. h. als das unverborgen jeweilig Anwesende. Aristoteles hatte gar nicht nötig, das ὑποκείμενον, die Substanz, aus dem Subjekt des Aussagesatzes zu deuten, weil das Wesen der Substanz, d. h. griechisch der οὐσία, im Sinne der παρουσία schon offenkundig war. Die Anwesenheit des Anwesenden aber hat auch Aristoteles nicht aus der Gegenständlichkeit des Satzgegenstandes gedacht, sondern als die ἐνέργεια, die allerdings von der actualitas des actus purus der mittelalterlichen Scholastik durch einen Abgrund getrennt bleibt.

Das ἔστιν des Parmenides jedoch meint nicht das »ist« als Copula des Satzes. Es nennt das ἑόν, das Anwesend des Anwesenden. Das ἔστιν entspricht dem reinen Anspruch des Seins vor der Unterscheidung in eine erste und zweite οὐσία, in existentia