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Der Wille zur Macht als Kunst

Obwohl Nietzsche es nicht ausdrücklich so faßt, meint er im Grunde dieses; denn anders wäre nicht zu verstehen, was er im Zusammenhang der Betonung des Steigerungscharakters des Willens — des »Plus an Macht« — immer erwähnt: daß der Wille zur Macht etwas Schaffendes ist. Auch diese Kennzeichnung bleibt mißverständlich, sofern es oft so aussieht, als sei gemeint, im Willen zur Macht und durch ihn solle etwas hervorgebracht werden. Nicht das Hervorbringen im Sinne des Verfertigens ist entscheidend, sondern das Hinaufbringen und Verwandeln, dieses Anders als..., und zwar im Wesentlichen anders. Deshalb gehört zum Schaffen wesentlich das Zerstörenmüssen. In der Zerstörung wird das Widrige und Häßliche und Böse gesetzt; es gehört notwendig zum Schaffen, d. h. zum Willen zur Macht, also zum Sein selbst. Zum Wesen des Seins gehört das Nichtige, nicht als bloßes Nichts der Leere, sondern als das machtende Nein.

Wir wissen: Der deutsche Idealismus hat das Sein als Willen gedacht. Diese Philosophie wagt es auch, das Negative als zum Sein gehörig zu denken. Es genüge der Hinweis auf ein Wort Hegels in der Vorrede zur »Phänomenologie des Geistes«. Hegel sagt hier von der »ungeheuren Macht des Negativen«: »es ist die Energie des Denkens, des reinen Ichs. Der Tod, wenn wir jene Unwirklichkeit so nennen wollen, ist das Furchtbarste, und das Tote festzuhalten, das, was die größte Kraft erfordert. Die kraftlose Schönheit haßt den/Verstand, weil er ihr dies zumutet was sie nicht vermag. Aber 'nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt.«


Martin Heidegger (GA 6 I) Nietzsche I

GA 6-1