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Der Wille zur Macht als Kunst

Es bedarf einer großen Spannweite des Denkens und eines freien Hinwegsekens über das Verhängnisvolle alles Zeitgenössischen in Nietzsche, um dem Wesenswillen seines Denkens nahe zu kommen und ihm nahe zu bleiben. Nietzsches Wissen von der Kunst und Nietzsches Kampf für die Möglichkeit der großen Kunst ist von dem einen Gedanken beherrscht, den er einmal kurz so ausdrückt: »Was allein kann uns wiederherstellen? Der Anblick des Vollkommenen.« (XIV, 171)

Aber Nietzsche wußte auch um die volle Schwere dieser Aufgabe; denn wer soll festsetzen, was das Vollkommene ist? Das können nur jene, die es selbst sind und es deshalb wissen. Hier öffnet sich der Abgrund jenes Kreisens, in dem das ganze menschliche Dasein sich bewegt. Was Gesundheit sei, kann nur der Gesunde sagen. Doch das Gesunde bemißt sich nach dem Wesensansatz von Gesundheit. Was Wahrheit sei, kann nur der Wahrhaftige ausmachen; aber wer ein Wahrhaftiger ist, das bestimmt sich nach dem Wesensansatz von Wahrheit.

Wenn nun Nietzsche die Kunst des großen Stils mit dem klassischen Geschmack zusammenstellt, verfallt er nicht einem Klassizismus. Nietzsche ist der erste, wenn wir von Hölderlin absehen, der das »Klassische« wieder aus der Mißdeutung des Klassizistischen und Humanistischen gelöst hat. Seine Stellungnahme gegen das Zeitalter Winckelmanns und Goethes spricht deutlich genug:


»Es ist eine heitere Komödie, über die erst jetzt wir lachen lernen, die wir jetzt erst sehen, daß die Zeitgenossen Herders, Winckelmanns, Goethes und Hegels in Anspruch nahmen, das klassische Ideal wieder entdeckt zu haben... und zu gleicher Zeit Shakespeare! - Und dasselbe Geschlecht hatte sich von der klassischen Schule der Franzosen auf schnöde Art losgesagt! als ob nicht das Wesentliche so gut hier- wie dorther hätte gelernt werden können!... Aber man wollte die ›Natur‹, die ›NatürIichkeit‹: oh Stumpfsinn! Man glaubte, die Klassizität sei eine Art Natürlichkeit!« (n. 849)

GA 6-1