234
Die ewige Wiederkehr des Gleichen

in einer unerschütterlichen Ruhe erhalten. Ich werde wohl einige Jahre noch leben müssen!«

Nietzsche plante damals, für die nächsten zehn Jahre zu schweigen und sich ganz für die Entfaltung des Wiederkunftsgedankens bereitzustellen. Dieses geplante Schweigen hat er zwar schon im folgenden und in den kommenden Jahren mehrfach gebrochen, und dennoch - von seinem Grundgedanken spricht er in diesen Schriften entweder unmittelbar nur in kurzen Andeutungen oder mittelbar in Verhüllungen und Gleichnissen. Dieses Schweigen über das Wesentlichste kommt ihm aus jener Haltung, die er einige Jahre später (1886) mit folgenden Worten gekennzeichnet hat:

»Man hebt seine Erkenntnis nicht genug mehr, sobald man sie mitteilt.« (»Jenseits von Gut und Böse«, n. 160)

Mit dem Augenblick, da »der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke« über ihn kam, wurde die schon seit einiger Zeit sich bahnbrechende Wandlung seiner Grundstimmung endgültig. Die Vorbereitung einer Wandlung ist angezeigt im Titel der kurz vorher (im gleichen Jahre 1881) veröffentlichten Schrift: »Morgenröte«. Sie trägt als Leitwort einen Spruch aus dem indischen Rigveda: »Es gibt so viele Morgenröten, die noch nicht geleuchtet haben.« Die endgültige Festigung der gewandelten Grundstimmung, aus der heraus Nietzsche erst fest in sein Schicksal zu stehen kommt, meldet sich im Titel der Schrift, die im folgenden Jahre, 1882, erschien: »Die fröhliche Wissenschaft (la gaya scienza)«. Die Schrift ist nach einem einleitenden »Vorspiel« in vier Bücher abgeteilt. In der 2. Auflage (1887) wurden ein 5. Buch und ein Anhang hinzugefügt und eine Vorrede mitgegeben. Am Schluß der ersten Ausgabe der »Fröhlichen Wissenschaft« spricht Nietzsche zum erstenmal öffentlich von seinem Wiederkunftsgedanken. So scheint es, daß er nicht nur nach einem Jahr bereits das geplante Schweigen bricht, sondern auch seine Erkenntnis nicht mehr genug hebt, ind·


Martin Heidegger (GA 6 I) Nietzsche I

GA 6-1