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»Vc m Gesicht und Rätsel«

keit« sichtbar wird. Warum aber »Rätsel«? Das Rätsel wird in dem, was es verbirgt und enlhält, offenbar, sofern es erraten wird. Das Erraten jedoch ist wesentlich verschieden vom Errechnen. Bei diesem wird am Leitband eines vorgegebenen »Fadens« aus Bekanntem ein Unbekanntes schrittweise erschlossen; im Erraten aber hegt ein Sprung, ohne Leitfaden und ohne die Sprossen einer für jedermann jederzeit zu erkletternden Leiter. Das Fassen des Rätsels ist ein Sprung, zumal dann, wenn das Rätsel auf das Seiende im Ganzen geht — hier gibt es kein einzelnes Seiendes oder ein Vielerlei des Seienden, woraus das Ganze jemals erschlossen werden könnte. Das Erraten dieses Rätsels muß sich hinauswagen ins Offene des Verborgenen überhaupt, in das. Unbetretene und Unbefahrene, in die Unverborgenheit (άλήθει,α) dieses Verborgensten, in die Wahrheit. Dieses Raten ist ein Wagen der Wahrheit des Seienden im Ganzen. Denn Nietzsche weiß sich innerhalb der Geschichte der Philosophie an einer ausgezeichneten Stelle. In der Zeit der Morgenröte«, um 1881, schreibt er sich auf (XI, 159):

»Das Neue an unserer jetzigen Stellung zur Philosophie ist eine Überzeugung, die noch kein Zeitalter hatte, daß wir die Wahrheit nicht haben. Alle früheren Menschen >hatten die Wahrheitc selbst die Skeptiker.«


Dem entspricht ein späteres Wort, mit dem das eigene Denken •inerhalb dieser Stellung gekennzeichnet wird. In den Entwüru zum »Zarathustra« sagt Nietzsche einmal:


Wir machen einen Versuch mit der Wahrheit! Vielleicht geht d'.e Menschheit daran zu Grunde! Wohlan!« (ΧΠ, 410)


Aber das Rätsel und das Erraten des Rätsels wären hier gründlich «mliverstanden, wollten wir meinen, es handle sich um das Ti-'iten einer Lösung," mit der sich alles Fragwürdige auflöste. Erraten dieses Rätsels soll vielmehr erfahren, daß es als das Rätsel nicht auf die Seite gebracht werden kann:

GA 6-1