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Das Seiende im Ganzen als Leben, als Kraft

Dem scheint ein Gedanke entgegenzustehen, der in der »Fröhlichen Wissenschaft« (n. 109) ausgesprochen ist:

»Hüten wir uns, zu sagen, daß Tod dein Leben entgegengesetzt sei. Das Lebende ist nur eine Art des Toten, und eine sehr seltene Art.«

Darin liegt der Hinweis, daß das Lebende der Menge nach gering und dem Vorkommen nach selten ist im Vergleich zum Ganzen. Doch dieses Geringe und Seltene bleibt immer der Feuerbrand für das Viele der Asche. Demgemäß wäre zu sagen, das Tote sei eine Art des Lebenden und keineswegs umgekehrt. Gleichwohl gilt auch dieses, weil das Tote aus dem Lebendigen kommt und in seiner Überzahl wieder das Lebendige bedingt. Lebendiges ist dann nur eine Art der Verwandlung und schäffenden Kraft des Lebens und das Tote ein Zwischenzustand. Allerdings trifft eine solche Auslegung Nietzsches Denken um diese Zeit nicht vollständig. Außerdem bleibt ein Widerspruch zwischen den zwei Gedanken zurück, die formelhaft so lauten: Das Tote ist die Asche unzähliger lebender Wesen — und: Das Leben ist nur eine Art des Toten. Einmal bestimmt das Lebende die Herkunft des Toten und dann das Tote die Art des Lebenden. Einmal hat das Tote den Vorrang, dann wieder ist es dem Lebenden nachgestellt.

Vielleicht sind hier zwei verschiedene Hinsichten auf das Tote im Spiel. Steht es so, dann fall? schon die Möglichkeit eines Widerspruches dahin. Wird das Tote genommen hinsichtlich seiner Erkennbarkeit, und wird Erkennen gefaßt als Festgreifen des Beständigen, Eindeutigen und Unzweideutigen, dann hat das Tote als Gegenstand der Erkenntnis den Vorrang, und das Lebendige ist als das Zwei- und Mehrdeutige nur eine Art und Abart des Toten. Wird dagegen das Tote selbst hinsichtlich seiner Herkunft gedacht, dann ist es nur die Asche des Lebendigen. Daß dieses der Häufigkeit und Verteilung nach hinter dem Toten zurücksteht, spricht nicht dagegen, daß es dessen Ursprung ist, wenn anders es zum Wesen des Höheren gehört, das

GA 6-1