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Der Wille zur Macht als Erkenntnis

Leben, d. h. das Seiende im Ganzen, ist in seinem Grundwesen und Wesensgrund selbst Wille zur Macht - und nichts außerdem. So setzt eine Aufzeichnung aus dem letzten Schaffensjahr einmal mit den VVorten ein: »Wenn das innerste Wesen des Seins Wille zur Macht ist, ...« (»Der Wille zur Macht«, n. 693; März-Juni 1888).

Nietzsche beginnt schon früher (1885) einen Gedankenzug mit der Frage: »Und wißt ihr auch, was mir >die Welt< ist?« Unter »Welt« versteht er das Seiende im Ganzen und setzt das Wort oft gleich mit »Leben«, so wie wir gern »Weltanschauung« und »Lebensanschauung« einander gleichsetzen. Er antwortet:

»Diese Welt ist der Wille zur Macht - und Nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht - und Nichts außerdem!« (n. 1067)

In dem einzigen Gedanken vom Willen zur Macht denkt Nietzsche den Grundcharakter des Seienden im Ganzen. Der Spruch seiner Metaphysik, d. h. der Bestimmung des Seienden im Ganzen, lautet: Das Leben ist Wille zur Macht.

Darin liegt das Doppelte und doch Eine:

1. das Seiende im Ganzen ist »Leben«;

2. das Wesen des Lebens ist »Wille zur Macht«.

Mit diesem Spruch: Das Leben ist Wille zur Macht, vollendet sich die abendländische Metaphysik, an deren Anfang das dunkle Wort steht: Das Seiende im Ganzen ist φύσις. Der Spruch Nietzsches: das Seiende im Ganzen ist Wille zur Macht, sagt dasjenige über das Seiende im Ganzen aus, was im Anfang des abendländischen Denkens als Möglichkeit vorbestimmt und durch einen unvermeidlichen Abfall von diesem Anfang unumgänglich geworden ist. Dieser Spruch vermeldet nicht eine Privatansicht der Person Nietzsche. Der Denker und Sager dieses Spruches ist »ein Schicksal«. Dies will sagen: Das Denkersein dieses Denkers und jedes wesentlichen abendländischen sehen Denkers besteht in der fast unmenschlichen Treue zur verborgen Geschichte des Abendlandes. Diese Geschichte aber


Martin Heidegger (GA 6 I) Nietzsche I

GA 6-1