Das gemeinte Stück findet sich als n. 749 im 3. Kapitel des ΙII. Buches des »Willens zur Macht«. Dieses Kapitel wurde von den Herausgebern betitelt: »Der Wille zur Macht als Gesellschaft und Individuum«. Der erste Abschnitt, dem das Stück zugewiesen ist, wurde überschrieben »Gesellschaft und Staat«. Das Stück lautet:
»Die europäischen Fürsten sollten sich in der Tat besinnen, ob sie unsrer Unterstützung entbehren können. Wir Immoralisten - wir sind heute die einzige Macht, die keine Bundesgenossen braucht, um zum Siege zu kommen: damit sind wir bei Weitem die Stärksten unter den Starken. Wir bedürfen nicht einmal der Lüge: welche Macht könnte sonst ihrer entraten? Eine starke Verführung kämpft für uns, die stärkste vielleicht, die es gibt -: die Verführung der Wahrheit ... Der >Wahrheit Wer legt das Wort mir in den Mund? Aber ich nehme es wieder heraus: aber ich verschmähe das stolze Wort: nein, wir haben auch sie nicht nötig, wir würden auch noch ohne die Wahrheit zur Macht und zum Siege kommen. Der Zauber, der für uns kämpft, das Auge der Venus, das unsere Gegner selbst bestrickt und blind macht, das ist die Magie des Extrems, die Verführung, die alles Äußerste übt: wir Immoralisten - wir sind die Außersten...«
Nietzsche spricht hier von der höchsten und einzigen Macht der Mächtigsten. Diese bedürfen keiner Bundesgenossen mehr, nicht einmal mehr jener, die sonst und überhaupt jede Macht braucht. Jede Macht, sofern sie die Einrichtung der Gewalt in den Schein des Rechts ist, bedarf der Lüge, der Verstellung, der Verschleierung ihrer Absichten durch das Vorhalten scheinbar angestrebter, die Unterworfenen beglückender Zwecke. Die Mächtigsten, die Nietzsche meint, bedürfen dieser Bundesgenossenschaft nicht, für sie kämpft die »Wahrheit« selbst, die Wahrheit als Verführung, wobei sogar die Wahrheit nicht mehr Wahrheit genannt zu werden braucht, denn die »Wahrheit« ist