des »höheren Seelenlebens« und seiner Abläufe im Sinne einer Tatsachenforschung unter anderen ; »Psychologie« ist auch nicht »Charakterologie« als Lehre von den verschiedenen Menschentypen. Eher schon könnte man Nietzsches Begriff der Psychologie im Sinne einer »Anthropologie« deuten, wenn »Anthropologie« heißen soll : philosophisches Fragen nach dem Wesen des Menschen aus dem Hinblick auf die wesentlichen Bezüge des Menschen zum Seienden im Ganzen. »Anthropologie« ist dann die »Metaphysik« des Menschen. Aber auch so treffen wir Nietzsches Begriff der »Psychologie« und des »Psychologischen« nicht. Nietzsches »Psychologie« beschränkt sich keineswegs auf den Menschen, sie erweitert sich aber auch nicht nur auf Pflanzen und Tiere . »Psychologie« ist das Fragen nach dem »Psychischen«, d. h. Lebendigen im Sinne jenes Lebens, das alles Werden im Sinne des »Willens zur Macht« bestimmt. Sofern dieser den Grundcharakter alles Seienden ausmacht, die Wahrheit über das Seiende als solches im Ganzen aber Metaphysik heißt, ist Nietzsches »Psychologie« gleichbedeutend mit Metaphysik schlechthin, Daß die Metaphysik zur »Psychologie« wird, in der allerdings die »Psychologie« des Menschen einen ausgezeichneten Vorrang hat, das liegt bereits im Wesen der neuzeitlichen Metaphysik begründet.

Das Zeitalter, das wir die Neuzeit nennen und in dessen Vollendung die abendländische Geschichte jetzt einzutreten beginnt, bestimmt sich dadurch, daß der Mensch Maß und Mitte des Seienden wird. Der Mensch ist das allem Seienden, d. h. neuzeitlich aller Vergegenständlichung und Vorstellbarkeit Zugrundeliegende, das subiectum. So scharf sich Nietzsche auch immer wieder gegen Descartes wendet, dessen Philosophie dieneuzeitliche Metaphysik begründete, er wendet sich nur gegen Descartes, weil dieser den Menschen noch nicht vollständig und entschieden genug als subiectum


61


Martin Heidegger (GA 6 II) Nietzsche II