»A. Nihilismus als Zeichen der gesteigerten Macht des Geistes : der aktive Nihilismus.
B. Nihilismus als Niedergang und Rückgang der Macht des Geistes: der passive Nihilismus.« (n. 22 ; Frühjahr-Herbst 1887)
Der passive Nihilismus läßt es dabei bewenden: es gibt keine Wahrheit an sich; dies heißt dann für ihn: es gibt überhaupt keine Wahrheit. Der aktive Nihilismus macht sich dagegen auf den Weg, die Wahrheit in ihrem Wesen von dorther zu bestimmen, von woher alles seine Bestimmbarkeit und Bestimmtheit empfängt. Der aktive Nihilismus erkennt die Wahrheit als eine Gestalt des Willens zur Macht und als einen Wert von bestimmtem Rang.
Wird vollends der Wille zur Macht ausdrücklich als der Grund der Möglichkeit von Wahrheit erfahren, wird die Wahrheit als eine Funktion des Willens zur Macht (als Gerechtigkeit) begriffen und gestaltet, dann wandelt sich der extreme Nihilismus als aktiver zum klassischen Nihilismus. Weil aber der aktive Nihilismus bereits den Willen zur Macht als Grundcharakter des Seienden erkennt und anerkennt, ist für ihn der Nihilismus überhaupt keine bloße »Betrachtsamkeit« (n. 24), kein bloßes Nein des Urteils, er ist das Nein der Tat: »man legt Hand an« ; »man richtet zu Grunde«. Man beschaut nicht nur etwas als Nichtiges, man beseitigt es, man stürzt um und schafft freies Feld. Der klassische Nihilismus ist darum selbst das »Ideal der höchsten Mächtigkeit« (n. 14).
Dieser Nihilismus stellt sich aus dem bisherigen »Leben« heraus, schafft »für eine neue Ordnung« die Bahn und gibt dem, was absterben will, noch das »Verlangen zum Ende« ein. Auf solche Weise räumt der Nihilismus aus und räumt zugleich neue Möglichkeiten ein. Nietzsche spricht daher im Hinblick auf diesen raumschaffenden, alles Seiende ins Freie herausstellenden Nihilismus einer völlig neuen Wertsetzung
95