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Wissenschaft und Besinnung

Also kann die Geschichtswissenschaft sich selber im Sinne ihrer Thematik und Methode betrachten. Gewiß. Durch solche Betrachtung erfaßt die Historie die Geschichte der Wissenschaft, die sie ist. Allein, die Historie erfaßt dadurch niemals ihr Wesen als Historie, d.h. als Wissenschaft. Will man über die Mathematik als Theorie etwas aussagen, dann muß man das Gegenstandsgebiet der Mathematik und ihre Vorstellungsweise verlassen. Man kann nie durch eine mathematische Berechnung ausmachen, was die Mathematik selbst ist.

Es bleibt dabei: die Wissenschaften sind außerstande, mit den Mitteln ihrer Theorie und durch die Verfahrensweisen der Theorie jemals sich selber als Wissenschaften vor zustellen.

Wenn der Wissenschaft versagt bleibt, überhaupt auf das eigene Wesen wissenschaftlich einzugehen, dann vermögen es die Wissenschaften vollends nicht, auf das in ihrem Wesen waltende Unumgängliche zuzugehen.

So zeigt sich etwas Erregendes. Das in den Wissenschaften jeweils Unumgängliche: die Natur, der Mensch, die Geschichte, die Sprache, ist als dieses Unumgängliche für die Wissenschaften und durch sie unzugänglich.f

Erst wenn wir diese Unzugänglichkeit des Unumgänglichen mitbeachten, kommt der Sachverhalt in den Blick, der das Wesen der Wissenschaft durchwaltet.

Weshalb nennen wir aber das unzugängliche Unumgängliche den »unscheinbaren Sachverhalt«? Das Unscheinbare fällt nicht auf. Es mag gesehen sein, ohne doch eigens beachtet zu werden. Bleibt der gezeigte Sachverhalt im Wesen der Wissenschaft nur deshalb unbeachtet, weil man das Wesen der Wissenschaft zu selten und zu wenig bedenkt? Dies Letztere dürfte kaum jemand mit Grund behaupten. Im Gegenteil, viele Zeugnisse sprechen dafür, daß heute nicht nur durch die Physik, sondern durch alle Wissenschaften eine seltsame Beunruhigung geht. Vordem je-doch regten sich in den vergangenen Jahrhunderten der abendländischen


f »Die Wissenschaft denkt nicht«

GA 7