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Was heißt Denken?

Alcibiades


»Warum huldigest du, heiliger Sokrates,

Diesem Jünglinge stets? Kennest Du Größers nicht?

Warum siehet mit Liebe,

Wie auf Götter, dein Aug' auf ihn?«

Die Antwort gibt die zweite Strophe.


»Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste,

Hohe Jugend versteht, wer in die Welt geblikt,

Und es neigen die Weisen

Oft am Ende zu Schönem sich.«


Uns geht der Vers an:


»Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste«.


Wir überhören jedoch bei diesem Vers allzuleicht die eigentlich sagenden und deshalb tragenden Worte. Die sagenden Worte sind die Verba. Wir hören das Verbale des Verses, wenn wir ihn, dem gewöhnlichen Ohr ungewohnt, anders betonen:


»Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste«.


Die nächste Nähe der beiden Verba »gedacht« und »liebt« bildet die Mitte des Verses. Demnach gründet die Liebe darin, daß wir Tiefstes gedacht haben. Solches Gedachthaben entstammt vermutlich jenem Gedächtnis, in dessen Denken sogar das Dichten und mit ihm alle Kunst beruht. Was heißt dann aber »denken«? Was z.B. schwimmen heißt, lernen wir nie durch eine Abhandlung über das Schwimmen. Was schwimmen heißt, sagt uns der Sprung in den Strom. Wir lernen so das Element erst kennen, worin sich das Schwimmen bewegen muß. Welches ist jedoch das Element, worin sich das Denken bewegt?


Martin Heidegger (GA 7) Vorträge und Aufsätze

GA 7