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»... dichterisch wohnet der Mensch...«

        ist das Dichterische des Wohnens. Dichten ist ein Messen. 
        Doch was heißt Messen? Wir dürfen das Dichten, wenn es als 
        Messen gedacht werden soll, offenbar nicht in einer beliebigen 
        Vorstellung von Messen und Maß unterbringen.
        Das Dichten ist vermutlich ein ausgezeichnetes Messen. Mehr 
        noch. Vielleicht müssen wir den Satz: Dichten ist Messen in der 
        anderen Betonung sprechen: Dichten ist Messen. Im Dichten 
        ereignet sich, was alles Messen im Grunde seines Wesens ist. Darum 
        gilt es, auf den Grundakt des Messens zu achten. Er besteht 
        darin, daß überhaupt erst das Maß genommen wird, womit 
        jeweils zu messen ist. Im Dichten ereignet sich das Nehmenl des 
        Maßes. Das Dichten ist die im strengen Sinne des Wortes verstandene 
        Maß-Nahme, durch die der Mensch erst das Maß für die 
        Weite seines Wesens empfängt. Der Mensch west als der Sterbliche. 
        So heißt er, weil er sterben kann. Sterbenkönnen heißt: den 
        Tod als Tod vermögen. Nur der Mensch stirbt - und zwar 
        fortwährend, solange er auf dieser Erde weilt, solange er wohnt. Sein 
        Wohnen aber beruht im Dichterischen. Das Wesen des »Dichterischen« 
        erblickt Hölderlin in der Maß-Nahme, durch die sich die 
        Vermessung des Menschenwesens vollzieht.
        Doch wie wollen wir beweisen, daß Hölderlin das Wesen des 
        Dichtens als Maß-Nahme denkt? Wir brauchen hier nichts zu 
        beweisen. Alles Beweisen ist immer nur ein nachträgliches 
        Unternehmen auf dem Grunde von Voraussetzungen. Je nachdem diese 
        angesetzt werden, läßt sich alles beweisen. Doch beachten können 
        wir nur weniges. So genügt es denn, wenn wir auf das eigene Wort 
        des Dichters achten. In den folgenden Versen fragt nämlich 
        Hölderlin allem zuvor und eigentlich nur nach dem Maß. Dies ist 
        die"m Gottheit, womit der Mensch sich misset. Das Fragen beginnt 
        mit Vers 29 in den Worten: »Ist unbekannt Gott?« Offenbar nicht. 
        Denn wäre er dies, wie könnte er als Unbekannter je das Maß 
        sein? Doch - und dies gilt es jetzt zu hören und festzuhalten - Gott
		l in die Acht nehmen, an und hinnehmen im Sagen als Entsagen
		m durch den offenbaren Himmel verhüllte, fremde
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