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»... dichterisch wohnet der Mensch,..«

haben als diese, wenn nur unsere Hände nicht greifen, sondern durch Gebärden geleitet sind, die dem Maß entsprechen, das hier zu nehmen ist. Dies geschieht in einem Nehmen, das nie das Maß an sich reißt, sondern es nimmt im gesammelten Vernehmeno, das ein Hören bleibt.

Aber warum soll dieses, für uns Heutige so befremdliche Maß dem Menschen zugesprochen und durch die Maß-Nahme des Dichtens mitgeteilt sein? Weil nur dieses Maß das Wesen des Menschen er-mißt. Denn der Mensch wohnt, indem er das »auf der Erde« und das »unter dem Himmel« durchmißt. Dieses »auf« und dieses »unter« gehören zusammen. Ihr Ineinander ist die Durchmessung, die der Mensch jederzeit durchgeht, insofern er als Irdischer ist. In einem Bruchstück (Stuttg. Ausgabe 11,1 S. 334) sagt Hölderlin:


»Immer, Liebes! gehet
Die Erd und der Himmel hält.«


Weil der Mensch ist, insofern er die Dimension aussteht, muß sein Wesen jeweils vermessen werden. Dazu bedarf es eines Maßes, das in einem zumal die ganze Dimension betrifft. Dieses Maß erblicken, es als das Maß er-messen und es als das Maß nehmen, heißt für den Dichter: dichten. Das Dichten ist diese MaßNahme und zwar für das Wohnen des Menschen. Unmittelbar nach dem Wort »Des Menschen Maaß ist's« folgen nämlichp im Gedicht die Verse: »Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde.«

Wissen wir jetzt, was für Hölderlin das »Dichterische« ist? Ja und nein. Ja, insofern wir eine Weisung empfangen, in welcher Hinsicht das Dichten zu denken ist, nämlich als ein ausgezeichnetes Messen. Nein, insofern das Dichten als das Er-messen jenes seltsamen Maßes immer geheimnisvoller wird. So muß es wohl


o An-nehmen Sichwerdanken

p d.h. eigens genannt: gesagt —


Martin Heidegger (GA 7) Vorträge und Aufsätze

GA 7