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»... dichterisch wohnet der Mensch...«

nicht bloße Phantasien und Illusionen, sondern Ein-Bildungen als erblickbare Einschlüsse des Fremden in den Anblick des Vertrauten. Das dichtende Sagen der Bilder versammelt Helle und Hall der Himmelserscheinungen in Eines mit dem Dunkel und dem Schweigen des Fremden. Durch solche Anblicke befremdet der Gott. In der Befremdung bekundet er seine unablässige Nähe. Darum kann Hölderlin im Gedicht nach den Versen »Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde« fortfahren:


»... Doch reiner
Ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen.
Wenn ich so sagen könnte, als
Der Mensch, der heißet ein Bild der Gottheit.«


»... der Schatten der Nacht« — die Nacht selber ist der Schatten, jenes Dunkle, das nie bloße Finsternis werden kann, weil es als Schatten dem Licht zugetraut, von ihm geworfen bleibt. Das Maß, welches das Dichten nimmt, schickt sich als das Fremde, worein der Unsichtbare sein Wesen schont, in das Vertraute der Anblicke des Himmels. Darum ist das Maß von der Wesensart des Himmels. Aber der Himmel ist nicht eitel Licht. Der Glanz seiner Höhe ist in sich das Dunkle seiner alles bergenden Weite. Das Blau der lieblichen Bläue des Himmels ist die Farbe der Tiefe. Der Glanz des Himmels ist Aufgang und Untergang der Dämmerung, die alles Verkündbare birgt. Dieser Flimmel ist das Maß. Darum muß der Dichter fragen:


»Giebt es auf Erden ein Maaß?«


Und er muß antworten: »Es giebt keines«. Warum? Weil das, was wir nennen, wenn wir sagen »auf der Erde«, nur besteht, insofern der Mensch die Erde be-wohnt und im Wohnen die Erde als Erde sein läßt.

Das Wohnen aber geschieht nur, wenn das Dichten sich ereignet und west und zwar in der Weise, deren Wesen wir jetzt ahnen,


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GA 7