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Das Verhältnis von Denken und Sein bewegt alle abendländische [223] Besinnung. Es bleibt der unversehrliche Prüfstein, an dem ersehen werden kann, inwieweit und auf welche Art die Gunst und das Vermögen gewährt sind, in die Nähe zu dem zu gelangen, was sich dem geschichtlichen Menschen als das zu-Denkende zuspricht. Parmenides nennt das Verhältnis in seinem Spruch (Fragment III):


τὸ γὰρ αὐτὸ νοεῖν ἐστίν τε καὶ εἶναι.
»Denn dasselbe ist Denken und Sein.«


Parmenides erläutert den Spruch an anderer Stelle im Fragment VIII, 34-41. Sie lautet:


ταὐτὸν δ᾽ ἐστὶ νοεῖν τε καὶ οὕνεκεν ἔστι νόημα.
οὐ γὰρ ἄνευ τοῦ ἐόντος, ἐν ᾧ πεφατισμένον ἐστίν,
εὑρήσεις τὸ νοεῖν· οὐδὲν γὰρ ἢ ἔστιν ἢ ἔσται
ἄλλο πάρεξ τοῦ ἐόντος, ἐπεὶ τό γε Μοῖρ᾽ ἐπέδησεν
οὖλον ἀκίνητόν τ᾽ ἔμεναι· τῷ πάντ᾽ ὄνομ᾽ ἔσται,
ὅσσα βροτοὶ κατέθεντο πεποιθότες εἶναι ἀληθῆ,
γίγνεσθαί τε καὶ ὄλλυσθαι, εἶναί τε καὶ οὐχί,
καὶ τόπον ἀλλάσσειν διά τε χρόα φανὸν ἀμείβειν.


»Dasselbe ist Denken und der Gedanke, daß IST ist; denn nicht ohne das Seiende, in dem es als Ausgesprochenes ist, kannst du das Denken finden. Es ist ja nichts oder wird nichts anderes sein außerhalb des Seienden, da es ja die Moira daran gebunden hat, ein Ganzes und unbeweglich zu sein. Darum wird alles bloßer Name sein, was die Sterblichen so festgesetzt haben, überzeugt, es sei wahr: ‚Werden‘ sowohl als ‚Vergehen‘, [224] ‚Sein‘ sowohl als ‚Nichtsein‘ und ‚Verändern des Ortes‘ und ‚Wechseln der leuchtenden Farbe‘.« (W. Kranz)


Inwiefern bringen diese acht Verszeilen das Verhältnis von Denken und Sein deutlicher ans Licht? Sie scheinen das Verhältnis


Martin Heidegger (GA 7) Vorträge und Aufsätze

GA 7