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Aletheia (Heraklit, Fragment 16)


und immer eindringlicher bedenken auf die Gefahr hin, weitschweifig und umständlich zu werden.

Ohne die zureichende Einsicht in diesen Sachverhalt bleibt die Auslegung des Anwesens durch Platon als ἰδέα und damit die ganze nachfolgende Auslegung des Seins des Seienden für uns entweder eine Willkür oder ein Zufall.

Im angeführten Zusammenhang heißt es bei Homer allerdings einige Verse vorher (V 86): αϊδετο γάρ Φαίηκας ύπ' όφρύσι δάκρυα λείβων. Voß übersetzt gemäß der Sageweise der deutschen Sprache: (Odysseus verhüllte sein Haupt) »daß die Phäaken nicht die tränenden Wimpern erblickten.« Das tragende Wort läßt Voß sogar unübersetzt: αϊδετο. Odysseus scheute sich - als ein Tränen Vergießender vor den Phäaken. Heißt dies nun aber nicht deutlich genug soviel wie: er verbarg sich aus Scheu vor den Phäaken? Oder müssen wir auch die Scheu, αίδώς, aus dem Verborgenbleiben her denken, wenn wir uns bemühen, ihrem griechisch erfahrenen Wesen näher zu kommen? Dann hieße »sich scheuen«: geborgen und verborgen bleiben im Verhoffen, im an-sich-Halten.

In der griechisch gedichteten Szene des in der Verhüllung weinenden Odysseus wird offenkundig, wie der Dichter das Walten des Anwesens erfährt, welcher Sinn von Sein, noch ungedacht, schon Geschick geworden. Anwesen ist das gelichtete Sich verbergen. Ihm entspricht die Scheu. Sie ist das verhaltene Verborgenbleiben vor dem Nahen des Anwesenden. Sie ist das Bergen des Anwesenden in die unantastbare Nähe des je und je im Kommen Verbleibenden, welches Kommen ein wachsendes Sichverhüllen bleibt. So ist denn die Scheu und alles ihr verwandte Hohe im Licht des Verborgenbleibens zu denken.

So müssen wir uns denn auch bereit machen, ein anderes griechisches Wort, das zum Stamm λαθ- gehört, nachdenklicher zu gebrauchen. Es lautet έπιλανθάνεσθοα. Wir übersetzen es richtig durch »vergessen«. Auf Grund dieser lexikalischen Richtigkeit scheint alles im reinen zu sein. Man tut so, als sei das Vergessen die sonnenklarste Sache von der Welt. Man bemerkt nur flüchtig,


Martin Heidegger (GA 7) Vorträge und Aufsätze

GA 7