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Vorlesung Winter semester 1951 / 52

diesem Zug ist, dann denkt er, mag er noch so weit von dem Sichentziehenden entfernt sein, mag der Entzug wie immer auch verschleiert bleiben. Sokrates hat zeit seines Lebens, bis in seinen Tod hinein, nichts anderes getan, als sich in den Zugwind dieses Zuges zu stellen und darin sich zu halten. Darum ist er der reinste Denker des Abendlandes. Deshalb hat er nichts geschrieben. Denn wer aus dem Denken zu schreiben beginnt, muß unweigerlich den Menschen gleichen, die vor allzu starkem Zugwind in den Windschatten flüchten. Es bleibt das Geheimnis einer noch verborgenen Geschichte, daß alle Denker des Abendlandes nach Sokrates, unbeschadet ihrer Größe, solche Flüchtlinge sein mußten. Das Denken ging in die Literatur ein. Diese hat das Geschick der abendländischen Wissenschaft entschieden, die über die doctrina des Mittelalters zur scientia der Neuzeit wurde. In dieser Form sind alle Wissenschaften auf eine zwiefache Weise der Philosophie entsprungen. Die Wissenschaften kommen aus der Philosophie her, indem sie diese verlassen müssen. Die so Entsprungenen können nie mehr, von sich aus als Wissenschaften, den Sprung zurück springen in ihren Ursprung. Sie bleiben jetzt einem Wesensbereich überantwortet, worin sie nur das Denken aufzufinden vermag, gesetzt, daß dieses selber das Seine vermag.

Wenn der Mensch auf dem Zug in das Sichentziehende ist, zeigt er in das Sichentziehende. Auf dem Zug dahin sind wir ein Zeichen. Aber wir zeigen dabei ein Solches, was nicht, was noch nicht in die Sprache unseres Sprechens übersetzt ist. Es bleibt ohne Deutung. Wir sind ein deutungsloses Zeichen.

Hölderlin sagt in dem mit dem Namen »Mnemosyne« (Gedächtnis) überschriebenen Hymnenentwurf:


»Ein Zeichen sind wir, deutungslos
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.«


So hören wir, unterwegs zum Denken, ein Wort des Dichtens. Weshalb und mit welchem Recht, auf welchem Boden und in welchen Grenzen sich unser Versuch zu denken in eine Zwiesprache


Martin Heidegger (GA 8) Was heisst Denken?

What Is Called Thinking? pp. 17-18