die Kluft zwischen Dichten und Denken rein und entschieden klafft. Dies kann geschehen, wenn das Dichten ein hohes und das Denken ein tiefes ist. Auch davon wußte Hölderlin manches. Wir entnehmen es den beiden Strophen, die überschrieben sind:
Socrates und Alcibiades
›Warum huldigest du, heiliger Sokrates,
Diesem Jünglinge stets? kennest du Größers nicht?
Warum siehet mit Liebe,
Wie auf Götter, dein Aug' auf ihn?‹
(Die Antwort gibt die zweite Strophe:)
Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste,
Hohe Jugend versteht, wer in die Welt geblikt,
Und es neigen die Weisen
Oft am Ende zu Schönem sich.
(St. A. 1,260)
Uns geht der Vers an: »Wer das Tiefste gedacht, liebt das Leben-digste.« Doch wir überhören bei diesem Vers allzuleicht die ei-gentlich sagenden und darum tragenden Worte, die Verba. Wir hören das Verbum, wenn wir den Vers, dem gewöhnlichen Ohr ungewohnt, anders betonen:
»Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste.«
Die nächste Nähe der beiden Verben »gedacht« und »liebt« bildet die Mitte dieses Verses. Das Mögen ruht im Denken. Ein wunder-licher Rationalismus, der die Liebe auf das Denken gründet. Ein fatales Denken, das dabei ist, sentimental zu werden. Doch von all dem findet sich in diesem Vers keine Spur. Was er sagt, ermes-sen wir erst, wenn wir das Denken vermögen. Darum fragen wir: Was heißt Denken?
Was z.B. Schwimmen »heißt«, lernen wir nie durch eine Ab-handlung über das Schwimmen kennen. Was Schwimmen heißt, sagt uns nur der Sprung in den Strom. Die Frage »Was heißt