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Sechste Stunde

vernünftige Tier. Die Vernunft ist das Vernehmen dessen, was ist, und das heißt zugleich immer: was sein kann und sein soll. Vernehmen schließt in sich und zwar stufenweise: das Aufnehmen, das Entgegennehmen, das Vor-nehmen, das Durchnehmen, und das heißt Durch sprechen. Lateinisch heißt durchsprechen: reor, das griechische ῥέω (Rhetorik). Das Vermögen, etwas vor- und durchzunehmen (reri) ist die ratio; animal rationale ist das Tier, das lebt, indem es vernimmt nach der genannten Weise. Das in der Vernunft waltende Vernehmen stellt Ziele her-zu, stellt Regeln auf, stellt Mittel bei und stellt auf die Weisen des Tuns ein. Das Vernehmen der Vernunft entfaltet sich als dieses vielfältige Stellen, das überall und zuerst ein Vor-stellen ist. So könnte man auch sagen: homo est animal rationale: der Mensch ist das vor-stellende Tier. Das bloße Tier, ein Hund z.B., stellt nie etwas vor, er kann nie etwas vor-sic/z-stellen; dazu müßte er, müßte das Tier sich vernehmen. Es kann nicht »ich« sagen, es kann überhaupt nicht sagen. Der Mensch dagegen ist nach der Lehre der Metaphysik das vorstellende Tier, dem das Sagenkönnen eignet. Auf dieser, freilich nie ursprünglicher durchdachten Wesensbestimmung des Menschen baut sich dann die Lehre vom Menschen als Person auf, die sich in der Folge theologisch darstellen läßt. Persona meint die Maske des Schauspielers, durch die hindurch sein Sagen tönt. Insofern der Mensch als der Vernehmende vernimmt, was ist, kann er als die persona, die Maske des Seins, gedacht werden.

Nietzsche kennzeichnet den letzten Menschen als denjenigen bisherigen Menschen, der das bisherige Menschenwesen gleichsam in sich verfestigt. Darum bleibt gerade der letzte Mensch am weitesten von der Möglichkeit entfernt, über sich hinweg zu gehen und so sich unter sich zu haben. In der Art des letzten Menschen muß deshalb die Vernunft, das Vorstellen, auf eine eigentümliche Weise verenden und gleichsam sich in sich verfilzen. Das Vorstellen hält sich da nur noch an das jeweils gerade Zu-und Bei-Gestellte und zwar als ein solches, dessen Zustellung im Betreiben und Belieben des menschlichen Vorstellens geregelt