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Vorlesung Winter semester 1951 / 52

letzten Menschen. Die Überwindung der Rachsucht ist nun aber offenkundig eine Sonderfrage, die das sittliche Handeln, die Sittlichkeit von Haltung und Gesinnung des Menschen betrifft. Die Erörterung der Rachsucht und ihrer Überwindung gehört in die Ethik und Moral. Wie sollen wir uns dann, wenn wir dieser besonderen Frage nach der Rache und ihrer Überwindung nachgehen, im eigentlichen Denken Nietzsches bewegen, d.h. in dem Bezug zu dem, was ist? Die Frage nach der Rache und ihrer Überwindung mag zwar sehr gewichtig sein, aber sie bleibt doch weit entfernt von der Frage nach dem, was ist. Die Frage nach der Rache ist doch nicht die Frage nach dem Sein. Sehen wir zu. Lernen wir denken.



Neunte Stunde


Nietzsches Denken gilt der Erlösung vom Geist der Rache. Sein Denken gilt einem Geist, der als Freiheit von der Rache vor jeder bloßen Verbrüderung, aber auch vor allem Nur-bestrafen-wollen, vor aller Friedensbemühung und vor jedem Betreiben des Krieges liegt, vor dem Geist, der die Pax, den Frieden, durch Pakte begründen und sichern will. Der Raum dieser Freiheit von der Rache liegt ebenso vor jedem Pazifismus wie vor jeder Gewaltpolitik. Er liegt ebenso vor jedem schwächlichen Gleitenlassen der Dinge und dem Sichdrücken um das Opfer, wie vor dem blinden Handeln um jeden Preis. Im Raum der Freiheit von der Rache sieht Nietzsche das Wesen des Übermenschen. Auf diesen Raum geht der Hinübergehende zu — der Übermensch — »Caesar mit der Seele Christi«.

Dem Geist der Freiheit von der Rache gilt Nietzsches angebliche Freigeisterei. Wenn wir auch nur im Ungefähren diesen Grundzug seines Denkens beachten, muß das bisherige Bild von Nietzsche, das bereits in das gängige Meinen eingedrungen ist, in sich zerfallen.


Martin Heidegger (GA 8) Was heisst Denken?