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Vorlesung Sommer semester 1952

mit einem Versäumnis, wenn nicht gar mit einem Versagen. So scheint es, solange wir in der Vergessenheit lediglich einen Ausfall und somit etwas Negatives sehen. Überdies finden wir hier nicht auf den Weg, wenn wir eine wesentliche Unterscheidung übergehen. Der Beginn des abendländischen Denkens ist nicht das gleiche wie der Anfang. Wohl aber ist er die Verhüllung des Anfangs und sogar eine unumgängliche. Wenn es sich so verhält, dann zeigt sich die Vergessenheit in einem anderen Licht. Der Anfang verbirgt sich im Beginn.

Doch all dies, was jetzt nur vordeutend über das Wesen des Gedächtnisses und seinen Bezug zur Verwahrnis des Bedenklichsten, was über Verwahrnis und Vergessenheit, was über Beginn und Anfang angemerkt werden mußte, klingt uns befremdlich, weil wir kaum erst in die Nähe der Sachen und Sachverhalte gelangt sind, aus denen das Gesagte spricht.

Doch bedarf es nur noch weniger Schritte auf dem Weg unserer Frage, um gewahr zu werden, daß in dem Gesagten Sachverhalte zur Sprache kommen, die uns lediglich ihrer Einfachheit wegen schwer zugänglich bleiben. Im Grunde bedarf es hier nicht erst eines besonderen Zugangs, weil das zu-Bedenkende uns trotz allem irgendwie genaht ist. Nur bleibt es durch die uns lange schon angewöhnten Vormeinungen verstellt, die darum so hartnäckig sind, weil sie ihre eigene Wahrheit haben.

Wir versuchten die Frage »Was heißt Denken?« hinsichtlich ihrer zuerst angeführten Weise zu erläutern. Was bedeutet das Wort »Denken«? Es spricht jetzt aus dem Wesenszusammenhang, der mit den Worten Gedanc, Andenken, Dank, Gedächtnis genannt wird.

Aber die hier genannten Sachverhalte sprechen uns nicht unmittelbar an. Sie bleiben im Ungesprochenen und fast Vergessenen. Die Erläuterung der ersten Frage stellt sich uns immer noch so dar, als seien wir durch sie lediglich an altes, aber vergessenes Sprachgut erinnert worden. Können wir das Wort dadurch jemals noch ins Sprechen zurückrufen? Keineswegs. Warum versuchen wir dann überhaupt diesen Hinweis auf das Sagen des Wortes,


Martin Heidegger (GA 8) Was heisst Denken?