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Fünfte Stunde

erledigt die Frage. Wir selber sind durch die Antwort der Frage ledig.

Die Frage »Was heißt Denken?« ist anderer Art. Fragen wir: was heißt radfahren?, dann fragen wir nach etwas, was jedermann kennt. Wer es noch nicht weiß, was das heißt, dem können wir dies Bekannte beibringen. Nicht so: das Denken. Nur dem Anschein nach ist bekannt, was die Frage eigentlich fragt. Die Frage selber ist noch ungefragt. Darum geht die Frage »Was heißt Denken?« nicht darauf aus, eine Antwort zu bewerkstelligen und durch sie das Fragen möglichst kurz und bündig zu erledigen. Vielmehr kommt es bei dieser Frage erst und nur auf das Eine an: die Frage ins Fragwürdige zu bringen.

Schon allein dahin ist der Weg weit. Fraglich bleibt sogar, ob wir auf diesem Weg schon unterwegs sind. Vielleicht vermögen wir Heutigen solches noch nicht. Diese Vermutung meint jedoch anderes als nur das Eingeständnis unserer schwachen Kräfte.

Das Denken, genauer der Versuch und die Aufgabe zu denken, gehen auf ein Weltalter zu, in dem die hohen Ansprüche, die das bisherige Denken zu erfüllen meinte und erfüllen zu müssen vorgab, hinfällig werden. Der Weg der Frage »Was heißt Denken?« verläuft bereits im Schatten dieser Hinfälligkeit. Sie läßt sich in vier Sätzen kennzeichnen:


1. Das Denken führt zu keinem Wissen wie die Wissenschaften.

2. Das Denken bringt keine nutzbare Lebensweisheit.

3. Das Denken löst keine Welträtsel.

4. Das Denken verleiht unmittelbar keine Kräfte zum Handeln.


Solange wir das Denken noch unter diese Ansprüche stellen, überschätzen und überfordern wir das Denken. Beides hindert uns daran, auf eine ungewöhnliche Anspruchslosigkeit zurückzugehen und in ihr inmitten eines Kulturbetriebes auszuharren, der tagtäglich nach der Zufuhr des Neuesten schreit und nach Aufpeitschendem


Martin Heidegger (GA 8) Was heisst Denken?