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Elfte Stunde


Was heißt ἐὸν ἔμμεναι griechisch gedacht? In diese Frage gelangen wir jetzt und zwar auf dem Weg der Frage »Was heißt Denken?« Wie kommt es, daß uns die Frage nach dem Denken dahin bringt zu bedenken, was wohl die Griechen meinen, wenn sie ἐόν (Seiendes), wenn sie ἔμμεναι (sein) sagen?

Die Frage »Was heißt Denken?« stellte sich uns am Beginn des Weges in vier Weisen vor.

Was heißt Denken? meint zunächst und erstens: was bedeutet dieses Wort »Denken«? Wir hörten: es bedeutet Gedächtnis, Dank, Andenken. Inzwischen hörten wir auf unserem Weg von dergleichen nichts mehr.

Was heißt Denken? meint zum anderen und zweitens: was versteht man nach der langher überlieferten Lehre vom Denken, nach der Logik, heute noch unter Denken? Zwar wurde über die Lehren der Logik im einzelnen nichts Genaueres berichtet. Doch vermerkten wir, der Name Logik entspreche dem, was diese Lehre unter Denken versteht. Denken ist λέγειν, λόγος im Sinne der Aussage, d.h. des Urteils. Das Urteilen gilt als die Tätigkeit des Verstandes, im weiten Sinne der Vernunft. Das Vernehmen der Vernunft geht auf das νοεῖν zurück. Vom Urteilen der Vernunft, vom λέγειν im Zusammenhang mit dem νοεῖν, hörten wir durch den Spruch des Parmenides. Hier ist weder vom λόγος der Logik, noch von Urteilen der Vernunft die Rede, sondern nur von dem Gefüge des λέγειν und νοεῖν. Das Vorliegenlassen und (das) In-die-Acht-nehmen kommen erst nur als der Grundzug dessen zum Vorschein, was in der Folgezeit Denken heißt und logisch betrachtet wird.

Der Versuch, den Spruch des Parmenides zu übersetzen, erbrachte uns somit in gewissem Sinne eine Antwort auf die zweite Frage. Darnach heißt Denken eigentlich: Vorliegenlassen und so In-die-Acht-nehmen auch... Allein es zeigte sich, daß hierdurch das Denken keineswegs zureichend bestimmt ist. Es fehlt noch etwas in der Bestimmung und zwar nichts Geringeres als die


Martin Heidegger (GA 8) Was heisst Denken?