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Elfte Stunde

des Seienden bedenkt, d.h. allererst in die Acht nimmt. Eine entfernte Vorbereitung dafür ist der Versuch, fragenderweise darauf zu achten, was das Wort ἐόν sagt. Das Wort sagt: Anwesen des Anwesenden. Sein Gesagtes spricht schon in der Sprache, bevor das Denken dies beachtet und mit einem eigenen Namen benennt. Das Sagen des Denkens bringt dieses Ungesprochene nur eigens in das Wort. Was es so bringt, ist nicht erfunden, sondern gefunden und zwar in dem schon zur Sprache gekommenen Anwesen des Anwesenden.

Das Denken der Griechen wohnt bereits vor seinem Beginn im Walten des ἐόν als dem Anwesen des Anwesenden. Nur deshalb kann das Denken erweckt und gerufen werden, das Anwesende hinsichtlich seines Anwesens in die Acht zu nehmen. Geschieht dies — es geschieht im Denken der griechischen Denker von Parmenides bis zu Aristoteles — dann ist damit noch keineswegs verbürgt, daß solches Denken auch schon das Anwesen des Anwesenden nach jeder Hinsicht in aller nur möglichen Klarheit ins Wort bringt. Vollends ist damit nicht entschieden, ob im »Anwesen des Anwesenden« Jenes zum Vorschein kommt, worin das Anwesen des Anwesenden beruht. Darum verfielen wir einem Irrtum, wollten wir meinen, Sein des Seienden bedeute nur und für alle Zeiten: Anwesen des Anwesenden. Freilich gibt schon das Wesen des Anwesens genug zu denken. Und nicht einmal dem haben wir hinreichend nachgefragt, was Anwesen des Anwesenden nach seinem griechischen Sinne besagen könnte.

Nicht alles, was je in irgendeiner Weise ist, west in der gleichen Weise an. Doch wir versuchen jetzt, wenigstens einige Grundzüge des Anwesens von Anwesendem herauszuheben. Als Beispiel diene ein vor uns liegendes Gebirge. Sagen wir anwesen, dann verstehen wir das Wort »wesen« verbal, nicht als Substantivum. Im letzteren Sinne gebraucht und groß geschrieben, nennt »Anwesen« ein Anwesendes, ein Bauerngut mit seinen Liegenschaften. Auch das Gebirge ist eine Liegenschaft eigener Art. Das verbal gebrauchte Wort »wesen« ist das althochdeutsche »wesan«. Es ist das selbe Wort wie »währen« und bedeutet: bleiben.


Martin Heidegger (GA 8) Was heisst Denken?

What Is Called Thinking? pp. 235-236